Kapitel 9: Das Schönste am Verlieren

Halt die Schnauze, Mario. Heute ist Fußball!“

Dem war nichts hinzuzufügen, dachte Mario, während er in die Runde schaute und den Blicken von Sid und Mike entnehmen konnte, dass sie Joschis Aussage uneingeschränkt zustimmten. Es war von vornherein eine dumme Idee gewesen, gestand er sich ein, seine Begegnung mit Luisa hier und heute thematisieren zu wollen. Erstens, weil die Dramatik dieses Wiedersehens für niemanden auch nur annähernd greifbar gewesen wäre und zweitens, weil ihm in dieser Angelegenheit, selbst wenn sie ihn verstehen würden, keiner seiner Freunde hätte helfen können. Drittens, weil Joschi einfach vollkommen Recht hatte und heute nunmal Fußball war. Als Wiedergutmachung bestellte Mario reumütig die nächste Runde Bier und Mettbrötchen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Sorgen des Alltags an einem Spieltag zwingend ausgeblendet werden mussten. Alltage gab es schließlich mehr als genug, Spieltage hingegen nur knapp über 30 pro Jahr. Wenn man also alle Spiele aneinanderreihen würde, dachte Mario, wäre man bloß einen Monat des Jahres mit Fußball beschäftigt. Was würde man in den übrigen 11 Monaten dann nur machen? Die mit dem heutigen Tag endende Winterpause war für ihn ja schon kaum zu ertragen gewesen. Zudem wäre es überhaupt nicht möglich, 30 Spieltage am Stück hintereinander zu überleben. Denn die weithin bekannte Floskel, ein Spiel dauere 90 Minuten, war völliger Schwachsinn. Nichts hasste Mario so sehr wie weithin bekannte Floskeln. Es war Samstag, kurz vor 11 und Mario, Sid, Joschi und Mike saßen nun schon seit etwa eineinhalb Stunden im Stadtkrug. In ungefähr einer Dreiviertelstunde würden sie sich auf den Weg zum Stadion machen, wo um 14 Uhr das Spiel begänne. Gegen 16 Uhr würden sie das Stadion wieder verlassen und unabhängig davon, ob sie dies euphorisiert oder niedergeschlagen täten, den Rest des Tages in irgendeiner Kneipe verbringen. Mario hatte für heute, auch aufgrund seines Neujahrsvorsatzes, das Filou vorgeschlagen, was von den anderen durchweg als guter Plan akzeptiert wurde. Marios Berechnungen zufolge dauerte das Spiel somit keineswegs 90 Minuten, sondern mindestens 10 Stunden, eher 12.

Ein anderer weitverbreiteter Irrglaube bestand darin, zu glauben, dass man die Möglichkeit habe, sich seinen Herzensverein selbst auszusuchen. So als habe man die freie Wahl, dachte Mario, eine Art Alternative. Nicht einmal er und seine Freunde wären derart masochistisch veranlagt, dass sie sich freiwillig für Rot-Weiss Essen entschieden hätten. Denn mit freiem Willen hatte es nun wirklich nichts zu tun, welchem Verein man sich verbunden und verpflichtet fühlte, sondern war einzig und allein dem Zufall geschuldet. Diesem einen Schlüsselerlebnis, das jedem wahren Fußballliebhaber, und Mario legte großen Wert darauf diesbezüglich zwischen echter und falscher Liebhaberei zu unterschieden, irgendwann in seinem Leben zugestoßen war. Jeder hatte sein ureigenes Schlüsselerlebnis, seinen individuellen point of no return. Und dabei handelte es nicht um einzelne Tore oder gar ganze Spiele, sondern um eher nebensächliche und objektiv betrachtet unbedeutende Momente. Dennoch war es jedem, als es erlebt hatte, noch im selben Atemzug schlagartig bewusst geworden, dass es fortan kein Zurück mehr geben würde. Marios Schlüsselerlebnis ereignete sich im Herbst 2003, wenngleich sein erster Stadionbesuch da schon einige Jahre zurücklag. Schon der Weg zum Stadion hatte sich an diesem Tag irgendwie anders angefühlt, was rückblickend betrachtet wohl am Alkohol lag. Es muss einer seiner ersten Räusche gewesen sein, erinnerte er sich, jedenfalls genügtem dem damals 13-jährigen Mario drei Flaschen Bier um jenen Zustand zu erreichen. Unterwegs hatte Mike ihm bereits die wichtigsten Gesänge beigebracht und gemeinsam hatten sie diese mutig angetrunken lauthals skandiert. Da Mario schon in jungen Jahren mit einer vergleichsweise tiefen Stimme gesegnet war, ernteten sie einige verwunderte Blicke älterer Schlachtenbummler, was sie als Zeichen von Akzeptanz und Respekt werteten. Am Stadion angekommen, liefen sie hinter der Nordtribüne entlang, bis sie den Aufgang zum Block K erreicht hatten, den Mike ihm zuvor als den ‚Stimmungsblock‘ angepriesen hatte. Und damit hatte Mike ihm nicht zuviel versprochen, denn mit jeder Stufe wurden die Gesänge aus dem Stadioninneren lauter und das Gedränge davor enger. Als Mario sich endlich in den Block gequetscht hatte, blickte er in menschliche Gesichter, wie er sie noch nie gesehen hatte. Mit einer Mischung aus Liebe, Hass, Hoffnung und Angst brüllten sie ihren angestauten Alltagsfrust in Richtung des Spielfelds. Derart inbrünstig, dass er sich im ersten Moment nicht so recht entscheiden konnte zwischen Panik und Ekstase. Schon im zweiten Moment, in dem Mario in die Gesänge mit eingestiegen war, war ihm sein persönliches Schlüsselerlebnis widerfahren. Dieses brachiale Kollektiv, dem er von nun an angehören würde, hatte ihm soeben den schönsten und intensivsten Augenblick seines Lebens beschert. Um ehrlich zu sein, gestand der 28-jährige Mario, waren in den letzten 15 Jahren lediglich zwei, vielleicht drei Augenblicke von vergleichbarer Qualität hinzu gekommen.

Noch heute war der Weg zum Stadion für Mario und die anderen ein festes Ritual, das sich in seinem Ablauf über all die Jahre kaum verändert hatte. Bei der kleinsten Abweichung davon hatte ihr Verein zumeist verloren, so dass sich bei Mario und seinen Freunden ein Aberglaube entwickelt hatte, der sich für sie nicht mehr als solcher zu erkennen gab. Bei Niederlagen sah Mario immer auch eine Mitschuld bei sich und hinterfragte die eigene Leistung. Hatten die Kurve und er wirklich alles gegeben? Wurden die Gesänge mit maximaler Vehemenz vorgetragen oder hätte man Gegner und Schiedsrichter eventuell stärker verunsichern müssen? Umgekehrt fühlte sich Mario auch bei Siegen immer ein wenig mitverantwortlich und war zufrieden, seinen Beitrag geleistet zu haben. Am Hauptbahnhof stieg Mikro hinzu, glücklicherweise allein. Vor einigen Jahren hatte er es tatsächlich gewagt und seine damalige Freundin mitgebracht, was ebenso inakzeptabel war wie das Thematisieren von Alltagssorgen. Was logischerweise folgte, war eine vernichtende Niederlage beziehungsweise ein torloses Unentschieden, das sich wie eine vernichtende Niederlage angefühlt hatte.

Die Linie 108 Richtung Altenessen war gefüllt mit Gleichgesinnten, so dass erste Gesänge angestimmt werden konnten. Die sonst üblichen Regeln des öffentlichen Nahverkehrs waren außer Kraft gesetzt worden und das lästige Rauchverbot somit aufgehoben. Auf Außenstehende mag das rücksichtslos oder gar bedrohlich wirken, dachte Mario, aber im Grunde war es nur ein kurzes und zeitlich begrenztes Aufbegehren gegen die Verregelung des Alltags und gesellschaftliche Übernormierung. Es war dieses rebellische Element, das bei Auswärtsfahrten noch weitaus stärker ausgeprägt war, das ihn von Anfang an so begeistert hatte. Das Ganze hatte was von Klassenkampf, fand Mario, und sie waren zweifellos das Proletariat. Fußball war zwar auch andernorts asozial, aber letztlich waren die Fanszenen der Ruhrgebietsvereine in dieser Disziplin absolut konkurrenzlos. Diesen unreflektierten Lokalpatriotismus gepaart mit einer dümmlichen, sexistischen und homophoben Attitüde und dem ganzen Machogehabe müsste man eigentlich verachten, dachte er, aber hier empfand er ihn auf eine absurde Art und Weise als vollkommen legitim und angemessen. Als eine Form von Kunstfreiheit oder als real-life-Satire. Mario liebte diese Aura der Einfältigkeit jedenfalls so sehr, dass er sich sogar darüber freute, als ihn der Dicke am Altenessen Bahnhof in Empfang nahm. So sehr er ihn sonst auch nervte, so unverzichtbar war der Dicke für Mario im Kontext Fußball. Während Mario und die anderen ihre Vereinszugehörigkeit dezent und nur durch das Tragen ihrer rot-weiß gestreiften Schals offenbarten, erinnerte der Dicke eher an den klassischen Kuttenfan der 1980er Jahre. Er trug sein Trikot über der Winterjacke, Schals um Hals und Handgelenke und in jeder verfügbaren Hosentasche steckte mindestens eine Flasche Bier. Dass er sich so überhaupt fortbewegen konnte, wunderte sich Mario, der den Dicken daraufhin um eine Flasche erleichterte. Bis zur Shell-Tankstelle an der Kreuzung Gladbecker Straße/Krablerstraße war der Vorrat des Dicken aufgebraucht, so dass Mikro, der außer seiner Anwesenheit bislang noch garnichts beigesteuert hatte, die nächste Runde Bier ordern musste. Es folgte der beschwerlichste Teil ihrer Pilgerreise, bei dem sie die Straße verließen und stattdessen den alten Eisenbahnschienen Richtung Stadthafen folgten. Was vor 15 Jahren noch eine dämliche Mutprobe war, war mittlerweile zu einer nicht in Frage zu stellenden Tradition geworden. Traditionen müsse man pflegen, wusste Mario, der es daher überaus unverständlich fand, dass das alte Stadion im Jahr 2013 einem schmucklosen Neubau weichen musste. Das Mehr an Komfort hatte zu einem Verlust an Aggressivität geführt, so dass sich mit dem Stadion auch das Publikum verändert hatte. Es war wieder salonfähig, zum Fußball zu gehen, wodurch Mario sein kleines Biotop ernsthaft gefährdet sah. Nicht, dass er zu jenen Leuten zählte, die sich selbst als ‚erlebnisorientiert‘ bezeichneten, denn mit Gewalt hatte er noch nie etwas anfangen können. Aber dass es irgendwann hip werden würde, ins Stadion zu gehen, müsse mit aller Macht verhindert werden. Das, wonach sich alle Anhänger am meisten sehnten, war gleichzeitig auch das, wovor sich sich am meisten fürchteten – Erfolg. Denn nur in der Erfolglosigkeit ließe sich das Ursprüngliche bewahren und die Überzeugung aufrecht erhalten, dass der echte Fußball nur noch hier zu bestaunen war und nicht in den großen Arenen der Nachbarstädte. Natürlich war Fußball auch im Essener Hafengebiet längst zur Folklore verkommen, gab Mario zu und es war ihm ebenso bewusst, dass das Ganze bloß dem alten Prinzip von ‚Brot und Spiele‘ folgte. Aber letztlich sei es doch egal, wie falsch und verlogen der Input ist, wenn der Output, die Emotionen, echt sind. So echt wie die Blockfreundschaften, die sich zwischen den anwesenden Untertanen über die Jahre entwickelt hatten. Blockfreundschaften waren gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Desinteresse am anderen. Kein lästiges Kennenlernen, keine persönlichen Fragen waren vonnöten um diese Form von Freundschaft zu schließen, sondern lediglich das Wissen darum, dem gleichen Club, den gleichen Farben anzugehören. Das gleiche fatale Glaubensbekenntnis gesprochen zu haben und somit unweigerlich zum Scheitern verdammt zu sein. Wo Freunde derart leicht zu finden sind, ist auch der Feind recht einfach auszumachen. Es war die Schlichtheit des Lebensraums Fußball, die Mario dazu befähigte, für einen kurzen Moment alles andere auszublenden und stattdessen einfach im Hier und Jetzt zu sein. Nirgendwo sei die Reduktion auf das Wesentliche so radikal, fand er, die Zuschreibung von Gut und Böse so eindeutig wie hier. Am Ende hatte das Böse durch ein Tor in der Nachspielzeit gewonnen.

Im Filou angekommen stellte Mario fest, dass sich dort seit seinem letzten Besuch vor einigen Jahren nicht viel verändert hatte. Es saßen die gleichen Leute an den gleichen Tischen und unterhielten sich über den gleichen Mist wie eh und je. Der wuchtige Tresen aus dunkler Eiche, die ebenso dunklen Hocker mit ihren roten Kunstlederbezügen, die verschnörkelte Zapfanlage aus Messing und Porzellan und die gehäkelten Gardinen – alles wie immer. Zu allem Überfluss war die Uhr über der Eingangstür stehen geblieben, was gewollt oder ungewollte jedem Gast verdeutlichte, dass die Zeit im Filou keine relevante Dimension war. Während Mario darüber nachdachte, dass dieser Ort wie ein Kunstwerk sei, das den Stillstand versinnbildlichte, stürzte Mike mitsamt seinem Hocker zu Boden. Statt ihm aufzuhelfen, war Mario verärgert darüber, dass Mike diese wunderbare Inszenierung zerstört hatte. Weniger verärgert, sondern eher enttäuscht, war Mario über eine Erkenntnis, die ihm erst heute bewusst geworden war. Dass sich im Gegensatz zum Filou, sein Verhältnis zum Fußball anscheinend doch verändert hatte. Es war weniger leidenschaftlich geworden, dachte er, weniger enthusiastisch. Die heutige Niederlage hatte ihn erschreckenderweise weniger frustriert als er das gewohnt war, beinahe emotionslos hatte er sie zur Kenntnis genommen. Woran das liegen würde, fragte sich Mario, und ob es den anderen wohl auch so ergehen würde? War es das verloren gegangene Flair des alten Stadions oder etwa doch die chronische Erfolglosigkeit seines Vereins? Führte das Ausbleiben von Erfolgen etwa zwangsläufig zum Verlust von Leidenschaft, überlegte er, und was bedeutete das dann für all die anderen Misserfolge, die ihm widerfahren waren? Störten ihn seine persönlichen Niederlagen überhaupt noch oder hatte er es sich im Misserfolg mittlerweile bequem gemacht?

Wisst ihr, was das Schönste am Verlieren ist, Jungs?“ fragte Mikro unvermittelt in die Runde, als habe er Marios Gedanken lesen können und nun eine Antwort darauf parat. „Davor muss man keine Angst haben. Im Gegenteil, zu gewinnen fände ich viel beängstigender. Man sagt ja schließlich nicht umsonst: Erfolg macht einsam. Da verlier ich doch lieber. In der Gewissheit, dass ihr alle dann noch da seid. Auf Euch!“

Auf uns!“ hallte es zurück.

Das war zwar nicht die erhoffte Antwort, sondern bloß alkoholbedingte Gefühlsduselei, aber letztlich waren seine Gedanken ja auch nichts anderes, dachte Mario und erhob sein Glas: „Auf uns!“

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