Kapitel 8: TÜV-Plaketten für die Seele

Plötzlich stand sie vor ihm. Ohne Zweifel, das ist sie, dachte Mario. Aber warum ausgerechnet hier, warum ausgerechnet heute? Und wieso erkannte sie ihn nicht wieder? Darauf war er nicht vorbereitet, darauf konnte er gar nicht vorbereitet sein. Also starrte er sie an, so wie er es schon bei ihrer ersten Begegnung auf der Damentoilette der Templebar getan hatte. Mit dem Unterschied, dass er heute nüchtern war. Zu gerne hätte Mario nun seinerseits „ich glaube, du bist hier falsch“ gesagt, aber offensichtlich war sie das nicht. Johannes jedenfalls schien sie zu kennen, auch wenn er sie fälschlicherweise Luisa nannte. Mario gab ihr, wonach sie verlangte: Eine 2ml Pumpe, zwei 16er Kanülen und jede Menge Pflaster.

Sei vorsichtig, Luisa“ sagte Johannes.

Bin ich doch immer“ antwortete Mia lächelnd, während sie ihn mit ihren großen dunklen Augen ansah und ein leises „aber Danke“ hinterherschob. Nie zuvor hatte Mario ein derart sympathisches ‚Danke‘ gehört. Eins, das so echt und so wenig Floskel war. Das so sehr von Herzen kam und das von solch einer sanften Stimme gesprochen, solch ein bezauberndes, dezent beschämtes Lächeln verließ. An Attraktivität hatte sie nichts eingebüßt, dachte Mario, nicht einmal hier. Am denkbar beschissensten Ort für ein Wiedersehen. Zwar wirkte ihre blasse Haut im grellen Licht des Drogenkonsumraums ein wenig kränklich, aber vielleicht war sie auch bloß erkältet.

Erkältet, musste Mario innerlich über sich selber lachen, wie naiv bist Du eigentlich? Du glaubst wahrscheinlich, sie habe starken Husten und ihr Hausarzt hätte ihr daraufhin Heroin verordnet, intravenös versteht sich. Schwachsinn Du Idiot, sagte er sich, sie ist schlicht und einfach drauf. Und vermutlich nicht erst seit gestern. Das Lachen war ihm da längst schon vergangen.

Sag nichts“ sagte Johannes. „Ich weiß, was Du denkst. Was will die denn hier? Die gehört hier nicht hin. Keine Sorge, das geht jedem so. Jedem Mitarbeiter, jedem Klienten. Und soll ich Dir was sagen, Mario? Das ist das Problem. Das ist das, woran Luisa zugrunde geht. Zu smart für die Szene, zu abgefuckt für alle anderen.“

Was wisst ihr denn über sie?“ fragte Mario.

Ich weiß gar nichts. Ich kann Dir nur sagen, was Luisa mir erzählt hat: Vor etwas mehr als 10 Jahren, da war sie 17 oder 18, hat sich ihr älterer Bruder umgebracht. Weder sie noch ihre Eltern hatten bemerkt, dass er unter Depressionen litt. Ihre Eltern haben das Ganze fortan totgeschwiegen, was Luisa nicht akzeptieren wollte. Sie hielt es nicht aus, dass ihre Eltern so taten, als sei das alles nicht passiert. Kurze Zeit später ist sie ausgezogen und hat angefangen Psychologie zu studieren. Um ihren Bruder zu verstehen, wie sie sagt. Um Menschen im Allgemeinen zu verstehen. Ich glaube aber vielmehr, dass es ihr darum ging, ihr eigenes Trauma zu überwinden. Einen Umgang damit zu finden und sich selbst zu verzeihen. Ach, was weiß ich. Ich bin Sanitäter, kein Psychologe. Ich kann Wunden versorgen, keine Seelen.“

Wer kann das schon?“ erwiderte Mario, während er Mia dabei beobachtete, wie sie ihr Heroin aufkochte. Luisa, gestand er sich ein. Immerhin hatte er mit dem Studium richtig gelegen, dachte Mario. Darüber freuen konnte er sich jedoch nicht. Zu absurd, nein geradezu tragisch war dieses unverhoffte Wiedersehen. Seit Wochen hatte er an nichts anderes denken können, hatte sich überlegt, wie er reagieren und was er sagen würde, wenn er Luisa noch einmal begegnet. Wobei es ja völlig ungewiss war, ob er ihr überhaupt nochmal begegnen würde. Jetzt, in diesem Augenblick, saß sie ihm also genau gegenüber. Die Frau, die er so unbedingt finden und notfalls im gesamten Ruhrgebiet suchen wollte. Aber, und das war das Entscheidende, sie saß auf der anderen Seite des Fensters und damit so weit von ihm entfernt wie nie zuvor.

Eben“ unterbrach Johannes Mario in seiner gedanklichen Ausweglosigkeit. „Und sich selbst zu therapieren funktioniert erst recht nicht. Wie hat Luisa verständlicherweise reagiert? Sie hat für sich beschlossen, dass das Aufarbeiten keine Verbesserung bewirkt hat und es stattdessen mit dem Gegenteil versucht, der Verdrängung. Alkohol, Cannabis, Amphetamin. Das volle Programm. Irgendwann ist sie ans Heroin geraten. Zufällig, sagt sie. Und das war das Erste, was sich als wirksam erwiesen hat. Das Erste, das auf Anhieb wirklich geholfen hat. Mehr und besser und nachhaltiger als alles andere, was sie bis dato probiert hatte.“

Und?“ fragte Mario, „glaubst Du ihr?“

Es ist egal, ob ich ihr glaube. Es ist egal, weshalb sie hier gelandet ist. Ich habe mit ihr nicht mehr oder weniger Mitleid, nur weil sie etwas hübscher und charmanter ist als der Durchschnittsjunkie.“

Das waren überraschend harte Worte, fand Mario, der glaubte, Luisa zu glauben. Zumindest wollte er ihr glauben. Denn für ihn machte es sehr wohl einen Unterschied, weshalb sie hier gelandet war. Dass Johannes ihre Geschichte so kalt zu lassen schien, erstaunte ihn, denn eigentlich schätzte er Johannes sehr. Mario mochte es, wie er mit den Besuchern umging. Dass er mit dem Einen scherzen konnte, mit dem Nächsten über das Wetter sprach und jemand anderem, dessen Hund gerade gestorben war, aufrichtig mitfühlend tröstete. Johannes hatte einfach intuitiv für jeden Menschen die passende Ansprache parat. Dass er nun von ‚Durchschnittsjunkies‘ sprach, passte nicht in das Bild, das Mario von ihm hatte. Empathie als Profession, überlegte Mario, wäre das möglich? Als erlerntes, nüchternes Stilmittel beruflichen Handelns? Und sei das nicht irgendwie verwerflich?

Was macht sie denn da?“ fragte Mario sichtlich entsetzt, während sich Luisa ihre Jeans herunterzog.

Ach das“ sagte Johannes eher beiläufig. „Das macht Luisa immer so. Sie injiziert in die Leiste, damit man bloß keine Einstiche an ihren Armen sieht. Ich hab ihr schon zigmal gesagt, dass das viel zu gefährlich ist. Einmal `nen Abszess geballert und die Vene zerschossen, können sie ihr direkt das ganze Bein abnehmen. Aber davon will sie ja nichts wissen. Völlig verrückt, oder?“

Das war nicht nur völlig verrückt, fand Mario, das war schiere Verzweiflung. Wahrscheinlich führte Luisa außerhalb des Drogenkonsumraums ein einigermaßen normales Leben, an normalen Orten, umgeben von normalen Menschen. Vielleicht saß sie sonntags bei ihren Eltern und sah sich dort mit den gleichen Fragen konfrontiert wie er. Wie es ihr ginge etwa und wann sie endlich ihr Studium beenden würde. Und was sollte sie dann darauf antworten? Dass sie aktuell eher dabei sei, ihr Leben als ihr Studium zu beenden. Dass ihre Eltern nach ihrem Sohn in absehbarer Zeit wohl auch ihre Tochter verlieren würden. Sie war schlicht dazu gezwungen, ein Doppelleben zu führen, der Lüge verpflichtet. Wie sonst sei das hier zu ertragen? Wie demütigend müsse es für sie sein, hier in Unterwäsche zu sitzen und sich die Nadeln ins Bein zu rammen, wohl wissend, dass mindestens vier Augen ihr dabei zusahen. Wie oft hatte sich Mario in letzter Zeit schon vorzustellen versucht, wie Luisa wohl nackt aussieht. Und wie sehr schämte er sich nun dafür, sie so zu sehen. Es war mehr als egoistisch und unangemessen, gab er zu, sich angesichts dieser Situation mit seinen eigenen Befindlichkeiten zu befassen, schließlich war er doch gerade in der deutlich komfortableren, da bekleideteren Position. Aber was blieb ihm schon übrig, auf ihre Befindlichkeiten hatte er halt keinen Zugriff. Gut möglich, dass sie mittlerweile jegliches Schamgefühl verloren hatte und es ihr egal geworden sei, dachte Mario, oder schlimmer noch: Vielleicht war er ihr auch einfach egal. Erkannt hatte sie ihn vorhin jedenfalls nicht. Was schon ungewöhnlich sei, wie er fand, da er seiner Meinung nach zwar nicht besonders gutaussehend war, jedoch einen recht hohen Wiedererkennungswert besaß.

Haben Dich die ganzen Kaputten hier doch nicht abgeschreckt?“ fragte Pico, als er den Drogenkonsumraum betrat und sich danach erkundigte, ob Mario nun wirklich hier arbeiten wolle. „Um hier zu arbeiten, muss man doch selbst einen gehörigen Schaden haben“ sagte Pico, „oder etwa nicht, Johannes?“

Während Johannes darüber lachte, stellte Mario fest, dass diese Frage nicht nur erstaunlich clever, sondern im Grunde sogar vollkommen berechtigt war. Und dass er Pico das nicht unbedingt zugetraut hätte. Sich die eigene Überheblichkeit eingestehen zu müssen, beschämte Mario fast noch mehr als das Eingeständnis, dass auch er das Leben bislang nicht vollkommen schadlos überstanden hatte. Zu oft waren seine Wünsche und Träume, seine Pläne und Vorhaben über die Jahre bereits mit der Realität kollidiert. Nichts hasste Mario Maas so sehr wie Kollisionen mit der Realität, da diese zumeist verbunden waren mit einem harten Aufprall auf dem Boden der Tatsachen. Jeder einzelne Absturz hatte eine Beule hinterlassen. Daran war nichts mehr zu ändern, dachte Mario, das Leben ließe sich halt nicht auf Schadenersatz verklagen. Regressansprüche geltend zu machen war ebenso wenig möglich. Immerhin beruhigte es Mario, dass ihm auch bei genauerer Überlegung kein einziger Mensch einfiel, den er als völlig intakt und unverbeult bezeichnen würde. Ob es wohl so etwas wie eine TÜV-Plakette für die Seele gäbe, fragte er sich, die einem die geistige Unversehrtheit bescheinigt? Würde er sie in seinem jetzigen Zustand noch bekommen? Wie lange würde diese dann gelten, überlegte Mario, und was müsse man bei der dazugehörigen Seelen-HU wohl alles überprüfen?

Ein TÜV-Gutachten über Menschen, sagte er sich, das war selbst für seine Verhältnisse eine ziemlich schräge Idee, eine allzu abstruste Vorstellung. Denn was hieße das für all jene, die das Gütesiegel nicht erhalten hätten? Aber warte mal, fragte sich Mario, als er gerade erleichtert feststellen wollte, dass es so etwas in Wirklichkeit natürlich nicht gäbe, was ist mit den ganzen Psychiatrien? Zwar nannte man die Mängellisten dort Diagnostikbögen und die Stilllegung Zwangseinweisung, aber so abwegig wie anfänglich erhofft, war die Idee vom Seelen-TÜV erschreckenderweise gar nicht. Eine verstörende Erkenntnis am Ende eines insgesamt ziemlich verstörenden Tages, dachte Mario, als er nach Feierabend die Hachestraße entlang Richtung Hauptbahnhof lief. Nicht, dass ihn dieser Tag körperlich angestrengt habe und er nun sonderlich erschöpft sei. Vielmehr hatte das Wiedersehen mit Luisa ihm ein Gefühl von Leere hinterlassen, das er so noch nicht kannte und das er nicht zu beschreiben vermochte. Müsste Leere sich nicht irgendwie leicht anfühlen, wunderte er sich. Warum fühlte sich seine Leere dann so schwer an? Wieso war ihm auf einmal so kalt, obwohl es doch eigentlich deutlich wärmer war als an den Tagen zuvor. Der Schnee von gestern war längst geschmolzen und mit ihm die liebgewonnene Gleichmacherei. Mutter Natur hatte ihren edlen, weißen Schleier wieder gelüftet. Im Übertragenen galt das sicher auch für Luisa, dachte Mario. Auch sie hatte ihr Geheimnis preisgegeben, wenngleich nicht freiwillig. Von nun würde nichts mehr sein wie vorher. Nichts bliebe mehr übrig von den beiden Menschen, die sich vor vier Wochen in der Templebar begegnet waren. Von heute an waren sie nicht mehr bloß Luisa und Mario, sondern Junkie und Normalo, krank und gesund, abgestürzt und angepasst. Der Zufall hatte sie für einen kurzen Moment zusammengeführt, ehe das Schicksal sie wieder getrennt und dabei eine Grenze gezogen hatte, die nicht zu übersehen und nicht zu leugnen war. Sie zu überschreiten wäre nicht nur strikt verboten, wusste Mario, sondern vor allem überaus gefährlich. Da ahnte er bereits, dass die ganze Sache nicht gut ausgehen und diese Geschichte für niemanden ein Happy End bereithalten würde.

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