Kapitel 7: Wann kommt der Wind?

Als hätte jemand den Mute-Knopf gedrückt, dachte Mario, während er aus dem Fenster auf die schneebedeckte Straße schaute. Schon vorhin, kurz nachdem er wach geworden war, hatte er das Gefühl gehabt, dass etwas anders war als sonst. Dass es seltsam still war für einen Freitagmorgen. Nun sah er den Grund für die gedämpfte Geräuschkulisse, deren seltsame Stille just in diesem Moment von der Hupe eines genervten Autofahrers durchbrochen wurde. Doch selbst das Hupen schien von den Schneeflocken eingefangen und in den Boden abgeleitet worden zu sein. Die Passanten auf den Gehwegen hielten einander an den Händen fest oder machten nur sehr kleine und vorsichtige Schritte. Gut, dass er noch genug Zigaretten hatte und vorerst nicht gezwungen sei, nach draußen zu gehen, dachte Mario, während er das Schneechaos beobachtete. Irgendwie komisch, überlegte Mario, dass er diesen Zustand, den er eben noch als still und gedämpft wahrgenommen hatte, nun als chaotisch empfand. Was machte das Schneechaos eigentlich zum Schneechaos? Wären hier statt Straßen, Autos und Menschen nur Felder, Bäume und Wiesen, spräche man wohl eher von einer idyllischen Winterlandschaft. Der Mensch, nicht die Natur, machte also das Chaos. Schnee bleibt Schnee, Sturm bleibt Sturm. Doch sobald der Sturm etwas zerstörte, noch dazu etwas vom Menschen geschaffenes, nannte man ihn eine Naturkatastrophe. Ein Unwetter. Was für ein bescheuertes Wort, fand Mario, fast schon ein Unwort. Woher gerade jetzt dieser ebenso bescheuerte Hang zur Ökoromantik kam, konnte sich Mario nicht erklären, besonders authentisch sei das nicht. Wahrscheinlich lag es einfach daran, dass es hier so selten schneite und mit seltenen Ereignissen immer auch besondere Erinnerungen verbunden waren.

Dabei seien Erinnerungen im Grunde doch nichts anderes als der hilflose, verzweifelte Versuch, ein Gefühl zu konservieren, fand Mario. Zudem hatte er festgestellt, dass sich seine Erinnerungen in letzter Zeit verändert hatten. Manche verblassten mehr und mehr und waren kaum oder nur noch mit Mühe abrufbar, andere waren über die Jahre immer weiter aufgestylt und zu ‚Highlights‘ ernannt worden, wohl um sie präsent zu halten. Wenn Mario mit Sid, Joschi und den anderen über irgendetwas Vergangenes sprach, hatte jeder eine andere Erinnerung dazu parat. Was ja auch ganz logisch sei, dachte Mario, aber trotzdem irgendwie falsch. So könne man sich schließlich seine Vergangenheit zurechtbiegen wie man wolle. Was nicht passt, wird passend gemacht. Überhaupt hatte er den Eindruck, dass er und seine Freunde zu sehr aus ihren Erinnerungen lebten. Wenn sie zusammen waren, redeten sie fast auschließlich über Erlebnisse aus der Zeit, als sie sich kennengelernt hatten. Als sie 13 oder 14 waren. Mittlerweile sind wir doppelt so alt, dachte Mario dann im Stillen, lasst doch mal gut sein. Offensichtlich war er der Einzige, dem dieses Vergangenheitstuning missfiel, denn die anderen redeten sich vor lauter Wisst-ihr-noch’s förmlich in Rage und überboten einander mit immer absurderen Pointen. Und in jene Anekdoten, die einfach keine Lacher hergeben wollten, wurden nachträglich welche eingebaut. Später, wenn sie sich dann voneinander verabschiedeten und von einem ‚Superabend‘ sprachen, sagte Mario nichts. Nicht aus Rücksicht oder um die gute Stimmung nicht zu verderben, sondern weil ihn eh niemand verstehen würde. Aber für ihn war es halt kein ‚Superabend‘, für ihn war es nicht ‚der Hammer‘ oder ‚episch‘ oder was auch immer. Und legendär auch nur deshalb, weil sie tatsächlich nichts anderes getan hatten, als sich neue Legenden zu erschaffen. Dann würde er es eher in Kauf nehmen, dass seine Erinnerungen langsam verblassten, fand Mario. Dann müsse man es vielleicht einfach mal akzeptieren, dass Gestern gestern noch schöner war.

Du denkst zu viel nach“, sagte Sid lapidar, nachdem er am frühen Abend unangekündigt bei Mario aufgekreuzt war, den noch immer sein Erinnerungsdilemma beschäftigte.

Ich wusste es“ sagte Mario.

Was wusstest Du?“

Dass Du mich nicht verstehst.“

Ich versteh Dich schon. Aber darauf kommt es gar nicht an“ erwiderte Sid. „Es ist doch letztlich scheißegal, ob Du die Zeit damit vertrödelst, Dir die Vergangenheit zurecht zu biegen oder ob Du sie damit verschwendest, drüber nachzudenken, wie falsch es ist, genau das zu tun. Mit dem Unterschied, dass die anderen am Ende immerhin ein Ergebnis haben.“

Ein falsches Ergebnis“ sagte Mario.

Ja, mag sein“ gab Sid zu. „Aber auch darauf kommt es nicht an!“

Mario hasste es, wenn Sid ihm so altklug die Welt zu erklären versuchte. Wenn er ihn so gönnerhaft wissen ließ, wie es nunmal sei und worauf es eben ankäme.

Und? Worauf kommt es dann an?“ fragte er.

Zu erleben. Neue Erinnerungen zu schaffen“ antwortete Sid. „Guck Dir doch nur den Junkie von gestern an. Der, von dem Du mir gerade erzählt hast. Dem geht’s doch nicht anders, dem geht’s sogar noch schlimmer. Der jagt sein ganzes Leben bloß dieser einen Erinnerung hinterher“

Ich glaube, das kann man nicht vergleichen. Da geht es nicht um die Erinnerung, sondern um das, was er dabei gefühlt hat“ widersprach Mario.

Du hast es doch eben selbst gesagt, Mario. Erinnerungen sind konservierte Gefühle. Und Konserven sind nunmal Müll. Schmecken scheiße und machen nicht satt.“

Worauf willst Du hinaus?“ fragte Mario, den Sids ausschweifende Monologe schon immer genervt hatten.

Dazu wollte ich gerade kommen. Aber Du bringst einen ja auch völlig raus, verdammt. Also. Wenn man sich an etwas erinnert, dann hat man vielleicht ’ne vage Ahnung davon, wie sich das in dem Moment wohl angefühlt hat. Aber es ist doch nicht mehr dasselbe. Wenn Du Dich zum Beispiel daran erinnerst, wie Du Dir den Arm gebrochen hast.“

Ich hab mir noch nie was gebrochen“ unterbrach Mario.

Ich schon. Und wenn ich jetzt daran denke, weiß ich, dass das höllisch weh getan hat. Den Schmerz als solches spüre ich aber nicht mehr. Und das ist bei guten Erinnerungen auch so. Erinnern ersetzt erleben nicht.“

Also gehen wir jetzt raus in den Schnee und brechen uns die Beine?“ lachte Mario.

Nee“ sagte Sid, „jetzt trinken wir erstmal in Ruhe das Bier aus und dann gehen wir in die Templebar. Und mit etwas Glück treffen wir zwei Frauen, die uns irgendwann in ein, zwei Jahren das Herz brechen, uns bis dahin aber unzählige schöne Erinnerungen geschaffen haben.“

Mario war weder überrascht noch besonders enttäuscht, dass er die Templebar am nächsten Morgen alleine verließ. Nicht, dass er eine Nacht erlebt hätte, die ihm noch lange in Erinnerung bleiben würde, aber für den Moment war er verhältnismäßig glücklich. Er setzte sich den Kopfhörer auf, den ihm seine Eltern zu Weihnachten geschenkt hatten und lief wie ferngesteuert nach Hause. Außer ihm war kaum noch jemand dort draußen unterwegs und da es in der Zwischenzeit weiter kräftig geschneit hatte, konnte Mario nun das Privileg genießen, als Allererster seine Spuren im Schnee zu hinterlassen. Mit jedem Schritt drückte er ihm seinen Stempel auf. Bürgersteige und Straßen waren zu einer weißen Einheit fusioniert, die vom wechselnd bunten Licht der Ampeln angestrahlt wurde. Die parkenden Autos waren zu Iglus geworden und nur noch durch ihre Größe, nicht mehr durch ihre Sterne, Ringe oder Blitze zu unterscheiden. Dabei hasste Mario eigentlich nichts so sehr wie Gleichmacherei. Aber das hier war etwas anderes, das hier ging nicht vom Menschen aus. Vielmehr hatte die Natur ihnen ein Machtwort gesprochen: Versucht ruhig, Euch mithilfe Eurer lächerlichen Statussymbole voneinander abzugrenzen. Wenn ich will, lege ich meinen Schleier darüber. Und wenn Ihr es dann immernoch nicht begriffen habt, puste ich Eure Bauwerke einfach um! Schon wieder diese komischen Gedanken, wunderte sich Mario, fand aber irgendwie auch Gefallen daran. Einzig die Natur war dazu in der Lage, den Menschen daran zu erinnern, wie klein und unwichtig er ist und immer schon war und dass ihm ein wenig Demut nicht schaden würde. Daran mangelte es vielen, dachte Mario, ihm selbst zum Beispiel. Wenn er wirklich so bescheiden war, wie er zu sein glaubte, warum war er dann so oft so unzufrieden? Lag es an einer falschen Erwartungshaltung? Verlangte er etwa zu viel vom Leben, von anderen, von sich selbst?

So ganz hatte Sid ihn vorhin halt doch nicht verstanden, dachte er. Denn dessen Gier nach neuem Erleben teilte Mario ebenso wenig wie den Versuch der anderen, das bereits Erlebte immer wieder zu recyclen. Die ständige Sorge Sids, irgendetwas verpassen zu können, diese irrationale Angst, nicht dabei gewesen zu sein. Mario fand das befremdlich. Man könne zu einer bestimmten Zeit halt immer nur an genau einem bestimmten Ort sein, dachte er. Nur dort könne man dabei sein. Alles andere würde man zwangsläufig verpassen. Und es sei müßig, sich im Nachhinein zu fragen, ob man denn auch am richtigen Ort gewesen oder doch besser woanders hätte sein sollen. Vielleicht war genau das der Unterschied zu damals, überlegte Mario, vielleicht war das der Grund, warum die anderen so gerne in ihren gefakten Erinnerungen schwelgten. Keiner von Ihnen hätte die Richtigkeit des Augenblicks oder der Ortswahl auch nur ansatzweise infrage gestellt. Damals, als sie bekifft und betrunken auf der Halde saßen und schweigend ins Lagerfeuer starrten. Gerade als Mario es sich in dieser Stimmung gemütlich machen wollte, sang ihm Sven Regener ins Ohr:

Wann kommt der Wind

der uns weitertreibt

Irgendwohin

wo keine Erinnerung bleibt

an jene Zeit

die uns glücklich sah

Nüchtern und klar

zu jedem Opfer bereit“

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