Kapitel 6: Ausgang Freiheit

Beinahe andächtig sah Mario dem Mann, der sich ihm als Pico vorgestellt hatte, dabei zu, wie er sein Heroin aufkochte. Mario saß schweigend daneben und beobachtete jeden einzelnen Handgriff Picos, der dabei so routiniert wirkte, als habe er nie etwas anderes getan. Seine aufgequollenen Hände, blau vor Kälte und rau wie Schmiergelpapier, arbeiteten erstaunlich filigran. Pico hatte ihm den Vorgang des Aufkochens genau erklärt und dass man dazu neben Wasser auch Ascorbinsäure benötigte, notfalls aber auch ein Stück Zitrone ausreichen würde. Wegen der ganzen Streckmittel, wie er sagte. Türkisch aufkochen, also ohne Wasser, würde er nicht empfehlen, empfahl Pico. Mario schwieg weiter, aus Sorge, Pico in seiner Konzentration stören zu können. Denn auch ohne dass er dazu etwas gesagt hätte, hatte Mario begriffen, dass die gute Laune Picos schlagartig kippen könnte, wenn dessen Löffel samt seinem bräunlichen Inhalt umzukippen drohte. Als wäre es ein Schatz, den Pico gerade gefunden hatte und den es mit allen Mitteln es zu beschützen galt. So deutete Mario auch das kaum wahrnehmbare Lächeln Picos als einen Ausdruck großer Freude, sobald dieser den braunen Sud durch ein Wattekügelchen in seine Pumpe aufgesogen hatte. Nachdem er die Nadel auf die Spritze gesetzt und sich mit einer Mullbinde den Arm abgebunden hatte, erklärte Pico seinem Beisitzer, dass nun der schwierigste und anstrengendste Teil auf ihn wartete. Beim Blick auf Picos Arm hatte Mario verstanden, was damit gemeint war. Kaum eine Stelle, die nicht verkrustet, blutig oder angeschwollen war. Die ersten vier, fünf Versuche eine Vene zu treffen scheiterten und Pico schien mit jedem weiteren missglückten Einstich unruhiger zu werden. Mario nahm es ihm daher auch nicht übel, als er ihn ziemlich harsch dazu aufforderte, ihm eine neue 12er zu holen. Irgendwie war er ihm das ja auch schuldig, dachte Mario. Immerhin hatte er ihn teilhaben lassen an dem ganzen Prozedere. Davon abgesehen würde Mario nur zu gerne den Moment miterleben, wenn das Heroin in Picos Körper fließt und dort wenig später seine euphorisierende Wirkung entfaltet. Und er hatte Glück, denn kurz darauf hatte Pico es endlich geschafft und inmitten des ganzen Narbengewebes tatsächlich eine Vene gefunden. Langsam drückte er den Kolben der Spritze nach vorn. Kurz vor dem Ende stoppte er, zog etwas Blut zurück in die Spritze, wartete zwei Sekunden, und drückte den Rest nach. Pico senkte den Kopf und legte seine Stirn auf die metallisch glänzende Tischplatte, während die Nadel ihm noch im Arm hing. Das war es schon? Das war alles, fragte sich Mario, während Pico noch einige Minuten in dieser Position verharrte. Unter einem Kick hatte er sich irgendwie etwas anderes vorgestellt. Er verspürte ein seltsames Gefühl von Enttäuschung und ohne zu wissen, was Pico gerade verspürte, fühlte er sich ihm darin verbunden. Es war nicht die erste und bliebe sicher nicht die letzte Erwartung, die an diesem Tag enttäuscht werden sollte, dachte Mario, in dessen Vorstellung ein Drogenkonsumraum ein gemütlicher, loungeartiger Raum mit bequemen Sesseln, gedämpftem Licht und dezenter House-Musik gewesen war. Dabei hätte es ihm eigentlich klar sein müssen, dass etwas, dass so deutsch und technokratisch klingt wie Drogenkonsumraum, von Ästhetik ähnlich weit entfernt war wie Pico von einem ’normalen‘ Leben. Und angesichts des ganzen Bluts, das aus den Armen, Beinen und Hälsen der anwesenden Besucher auf den Boden tropfte, sei es wohl von Vorteil, gestand Mario, dass der Raum gefliest und eben nicht mit Teppichboden ausgelegt war. Als Mario im Überwachungsraum saß und durch die Fensterscheibe Pico dabei zusah, wie er seinen Platz desinfizierte und seine Nadeln entsorgte, war ihm das irgendwie unangenehm. Er fühlte sich wie ein Voyeur, dessen Perversion darin bestand, sich am Leid anderer aufzugeilen. Der sich nicht entscheiden konnte zwischen Faszination und Mitleid, zwischen Ekel und Empathie. Oder wie ein Zoobesucher, der aus sicherer Entfernung in Gefangenschaft lebende Raubtiere beobachtete, deren Kampf ums Überleben ihren Instinken geschuldet war, den realen Gegebenheiten jedoch längst nicht mehr entsprach.

Das ist also echte Sucht, dachte Mario, der längst nicht mehr leugnete, dass sein Alkoholkonsum in den letzten Jahren ein durchaus riskantes Ausmaß angenommen hatte, der sich aber ebenso sicher war, dass seine Sauferei mit dem hier Dargebotenem nichtmal ansatzweise zu vergleichen sei. Er spielte maximal in der Kreisliga, Profis wie Pico hingegen in der Champions-League der Sucht. Zwar gäbe es auch hier ein deutliches Leistungsgefälle, wie Mario beim Anblick der verschiedenen Profi-Süchtigen bemerkt hatte. Manche waren kaputter und verwahrloster als andere, manche in vergleichsweise intakter körperlicher und psychischer Verfassung. Die Kokainkonsumenten etwa machten auf Mario einen viel hektischeren Eindruck als jene, die sich an Schore berauschten und die offenbar eine weitaus höhere Grunddichte besaßen. Es war die Ausweglosigkeit, die allen hier gemein war und der sich jeder von ihnen hoffnungslos bewusst war. Dass sich der Drogenkonsumraum ausgerechnet in der Hoffnungstraße befand sei fast schon zynisch, dachte Mario. Was sogar noch dadurch getoppt wurde, dass man nach dem Verlassen des Drogenkonsumraums zunächst links in die Lichtstraße abbiegen konnte, sich jedoch an der nächsten Kreuzung bereits in der Lazarettstraße wiederfand. Mario erinnerte sich daran, dass sich die offene Drogenszene früher am südlichen Ende des Hauptbahnhofs aufgehalten hatte, der damals wie heute bezeichnenderweise ‚Ausgang Freiheit‘ hieß. Noch bezeichnender und beinahe metaphorisch, dass den Junkies eben jene Freiheit nach und nach verwehrt wurde, um den Pendlern und Touristen bloß einen cleanen, sicheren Bahnhof zu präsentieren.

Ich hör mich mal um“ hatte seine Schwester Manuela gesagt, als Mario ihr vor nichtmal einer Woche davon erzählt hatte, dass man ihm das BAFöG streichen wolle und er nun wohl oder über Geld verdienen müsse. Dass aus dem sich Umhören dann nur fünf Tage später ein Probearbeiten werden würde, hatte ihn ziemlich überrumpelt. Dabei hätte er es ahnen können, denn abgesehen davon, dass auch Manuela von ihren Eltern mit einem Alliterationsnamen bestraft worden war, hatten die beiden nicht allzu viel gemeinsam. Manuela fand es damals ja sogar lustig, dass sie und ihr Bruder von anderen Kindern spöttisch die ‚m&m’s‘ genannt wurden. Mario hingegen, der bekanntlich nichts so sehr hasste wie Alliterationen, hätte jedes Mal vor Wut heulen können. So hatte Manuela selbst die Möglichkeit, diesem grauenhaften Umstand mit ihrer Hochzeit ein Ende zu setzen, nicht genutzt und stattdessen Jan Mertineit geheiratet. Auch wenn Mario seinen Schwager eigentlich sehr mochte, so etwas wäre ihm an ihrer Stelle sicher nicht passiert. Liebe hin oder her, dachte Mario, da müsse man einfach konsequent sein.

Wobei es schon ziemlich absurd sei, seiner Schwester mangelnde Konsequenz vorzuwerfen, gestand sich Mario ein, und gerade er sollte mit diesem Begriff vorsichtig sein. Manuela war immer schon deutlich zielstrebiger als er gewesen und hatte ihren Eltern damit weitaus weniger Sorgen bereitet. Auch weil sie extrovertierter und offener war und man es ihr förmlich ansehen konnte, wenn ihr etwas missfiel oder ob sie traurig, wütend oder enttäuscht war. Mario war das komplette Gegenteil von ihr und seinen Eltern dadurch manchmal fast schon ein Rätsel. Auch hatte er erst sehr spät angefangen zu sprechen und dies, wie der Kinderpsychiater Marios Eltern versichert hatte, aus reiner Faul- und Sturheit. Sprechen war ihm noch heute eher ein lästiges Übel, das es auf ein Minimum zu beschränken galt. Mario selbst hatte vor einigen Jahren mal die Theorie aufgestellt, dass Manuela aufgrund ihres Geburtstags im August ein von Grund auf fröhlicheres und positiveres Wesen besaß als er, das Novemberkind. Manuela der Sonnenschein, Mario der Nieselregen. Sie die kontaktfreudige, er der Eigenbrötler. Selbst als sich diese kindlichen Charakteristika der beiden Geschwister während ihrer Pubertät deutlich verschoben hatten, blieben ihre Rollen, zumindest für ihre Eltern, klar verteilt. Vielleicht war er es irgendwann einfach leid gewesen dagegen anzukämpfen und hatte stattdessen die ihm zugeschriebene Rolle für sich angenommen, dachte Mario, der diesen Vorwurf an seine Eltern aus taktischen Gründen aber erstmal für sich behalten würde.

Trotz all der Unterschiede war das Verhältnis zwischen Mario und seiner zwei Jahre älteren Schwester immer schon ein sehr liebevolles. Niemand anderem vertraute er so bedingungslos, auch weil er auf ihre geschwisterliche Verschwiegenheit jederzeit zählen konnte. Manuela war Sozialarbeiterin im Integrationsangebot, der Notschlafstelle, die sich direkt neben dem Konsumraum befand, in dem er zukünftig also als Honorarkraft arbeiten würde. Integrationsangebot, Honorarkraft, das klingt doch alles genauso sperrig wie Drogenkonsumraum, dachte Mario. Aber allemal besser als Wiedereingliederungsmaßnahme. Zudem würde er pro Stunde einen Euro Gefahrenzulage bekommen, was trotz aller Sperrigkeit eben auch ein wenig nach Abenteuer klang.

Ist der Stadtkrug wohl so etwas wie mein Drogenkonsumraum?“ fragte sich Mario, als er abends an dessen Tresen saß und gewisse Parallelen zu erkennen glaubte. Wenn Kurt, der Wirt des Stadtkrugs, ihm sein Pils über die Theke reichte, war das dem Vorgang, den Junkies ihr Spritzbesteck auszuhändigen, doch verblüffend ähnlich. Dann fielen ihm die Worte von Johannes, dem Sanitäter des Drogenkonsumraums wieder ein, der ihm erklärt hatte, dass viele Junkies diesen nur vordergründig zum Konsumieren nutzen würden. Eigentlich ginge es ihnen vielmehr darum, nicht alleine und an einem Ort zu sein, an dem man sie nicht gleich verurteilt. Wo jemand ein offenes Ohr hat für all die Geschichten, die sie sich über die Jahre erdacht hatten und all die guten Pläne, die sie sich selbst schon nicht mehr glaubten. Für all die zusammengesponnenen Rechtfertigungen, mit denen sie sich ihr Schicksal erträglicher gestalteten und das tonnenschwere Selbstmitleid, das auf ihren Schultern lastete. All das war Mario so erschreckend vertraut, dass er zu zweifeln begann, ob dieser Job wirklich das Richtige für ihn sei. Oder er der Richtige für diesen Job.

Zweifel sind was für Menschen mit Alternativen, sagte sich Mario, das Zweifeln müsse man sich leisten können. Und da er es sich nunmal nicht leisten könne, ertränkte er seine Zweifel kurzerhand in mehreren Samtkragen. ‚Zweifel ertränken‘, hörte sich an wie eine Saufspielvariante von ‚Schiffe versenken‘. Wieder mal eine Idee, die es sich zu merken lohnte, dachte Mario und wusste, dass er inzwischen zu betrunken war, um den Gedanken noch zu Ende zu führen, der ihn nun schon seit Stunden beschäftigte. Abhängigkeit – was bedeutete das eigentlich? Und wovon wiederum hinge es ab, ob man abhängig sei oder nicht? War letztlich nicht alles und jeder irgendwovon abhängig? Gut von böse, arm von reich. Gäbe es das eine nicht, was bliebe vom anderen übrig? Was wäre es dann noch wert? Blieb der Ausgang Freiheit wirklich nur den Junkies verwehrt oder war Freiheit grundsätzlich nur eine Illusion und jeder, der nach ihr strebte, abhängig von seinen Utopien? Abhängig von seinen Sehnsüchten?

Es wird Zeit, dachte Mario etwas beschämt, nur ein Schnaps geschwängertes Gehirn würde sich solch pseudophilosophische Scheißfragen stellen. Immerhin waren seine Zweifel verschwunden, stellte er fest: Versenkt!

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