Kapitel 5: Tribüne der Gleichgültigkeit

Er war, wie immer, zu spät. Als Mario den Raum B38 des Hörsaalzentrums betrat, hatte die Vorlesung längst begonnen. Dennoch beachtete ihn niemand, was Mario irgendwie sympathisch fand. Er setzte sich in die letzte Reihe. Ganz außen, so wie er es immer schon getan hatte. Nah am Fluchtweg, dachte Mario, man weiß ja nie. Er klappte die grün lackierte Holzplatte herunter und versuchte, sein Rätselheft exakt so darauf zu platzieren, dass es mittig lag. Und zwar genau mittig. Sein Symmetriezwang hatte Mario schon etliche wertvolle Sekunden seines Lebens geraubt, aber immerhin verlieh er ihm eine gewisse Sicherheit und Orientierung. Und überhaupt, es gäbe sicher weitaus schlimmere und alltagsuntauglichere Zwänge. Nicht auf die Fugen zwischen den Gehwegplatten zu treten etwa. Das wäre kein Zwang für ihn. Dazu war er viel zu oft betrunken.

Mario blickte hinunter auf eine zierliche Professorin, schätzungsweise Mitte 40 und zu früh ergraut, die mithilfe eines Overhead-Projektors ihrem Auditorium etwas zu lehren versuchte über Emile Durkheim und das kollektive Gewissen. Grundkurs Soziologie, dachte Mario gelangweilt, nicht mein Ding, nicht mal mein Studiengang. Sein subjektives Gewissen war dennoch ein wenig stolz auf ihn, denn offensichtlich war dies der erste Schritt in eine richtige Richtung. Zwar war er aktuell exmatrikuliert und somit quasi illegal hier, aber wer wolle ihm das schon verübeln. Die seltsam enthusiastisch wirkende Professorin sicherlich nicht, schließlich folgte er ihren Ausführungen nicht mehr oder weniger aufmerksam als die wenigen anderen Anwesenden. Irgendwie tragisch, dachte Mario, wie sich diese kleine, zerbrechliche und eigentlich unscheinbare Gestalt in ihrem pastellblauem Kostüm mittels völlig veralteter Medien darum bemühte, ihr Wissen an Menschen weiterzugeben, die sich nicht im Geringsten dafür interessierten. Und wie demütigend, auf diese Tribüne der Gleichgültigkeit schauen zu müssen. Fast hätte Mario so etwas wie Mitleid für sie empfunden, aber im Grunde sei das nicht wirklich angebracht. Letztlich würde diese Frau sicherlich gut entlohnt werden und wahrscheinlich sei es ihr ohnehin egal, ob ihr jemand zuhört. Wenn sie nicht die ganze Zeit so elaboriert daherreden würde, wäre sie gar nicht so unattraktiv, fand Mario und schämte sich sogleich für diesen Gedanken. Viel zu belesen und gebildet, viel zu verkopft und zweifelsohne zu alt für ihn, dachte Mario und ärgerte sich darüber, dass er sich wieder einmal eingestehen musste, spießiger zu sein als er wollte. Das erste Kreuzworträtsel hatte Mario da bereits gelöst. Gelangweilt legte er das Heft beiseite und las die Botschaften, die irgendwer irgendwann auf dem Tisch gekritzelt und somit anscheinend für mitteilungsbedürftig gehalten hatte. Allerhand oberflächliche Kapitalismuskritik nebst vermeintlich lustigen Sprüchlein, wie man sie täglich auf Facebook lesen konnte. Vermutlich irgendein sich selbst überschätzender Erstsemester, der sein jungenhaftes Gesicht unter einem zotteligen Vollbart versteckte und sich täglich stundenlang damit beschäftigte, was er anzuziehen habe, damit es bloß so aussieht, als habe er sich das erstbeste Shirt zur erstbesten Röhrenjeans aus dem Kleiderschrank gegriffen. Nichts hasste Mario so sehr wie diese „Generation Jutebeutel“, der er streng genommen selbst angehörte. Seiner Verachtung ihr gegenüber tat dies keinen Abbruch. Den Wohlstand der Eltern ausnutzend die Welt zu bereisen um anschließend mit jeder Menge Weisheit im Gepäck zurückzukehren und eben jenen Wohlstand zu kritisieren, sei nicht besonders originell. „Die beste Nation ist die Resignation“, ließ Mario die Nachwelt auf den Tisch gekritzelt wissen. Stammte zwar nicht von ihm, hätte aber von ihm stammen können. Wäre ihm Rocko Schamoni nicht zuvor gekommen. Immer wieder Rocko Schamoni, dachte Mario. Dieses verfickte Genie hatte auf die gleiche Art und Weise bereits den Romantitel ‚Sternstunden der Bedeutungslosigkeit‘ für sich beansprucht. Einfach weil er schneller war. Und depressiv. Richtige Depressionen. Mario war zwar häufig schlecht gelaunt und antriebslos, aber kein Psychiater der Welt würde ihm dafür eine vernünftige Depression attestieren. Warum es noch keinem Pharmakonzern dieser Welt gelungen war, ein Pro-Depressivum zu entwickeln, fragte er sich.

Als Mario den Raum B38 des Hörsaalzentrums wieder verließ, hatte er es geschafft. Sein Tagesziel hatte er gar um drei Minuten übertroffen und somit allen Grund, zufrieden zu sein. Nach fast zwei Jahren Uni-Abstinenz erschien ihm eine 18 minütige Bildungsdosis mehr als angemessen. Diesen Erfolg galt es zu feiern. Mario Maas war zurück. An der Theke des Kunst und Kultur-Cafes, kurz KKC, bestellte er sich einen Kaffee und ein großes Pils. Eine dumme Bestellung, wie er sich wenige Augenblicke später eingestehen musste. Man kann einfach nicht gleichzeitig Bier und Kaffee trinken, da sich die Geschmäcker gegenseitig versauen. Dies wiederum nötigte ihn dazu eine folgenschwere Entscheidung treffen zu müssen. Entweder das Bier schal werden lassen oder den Kaffee kalt. Da das Bier teurer war, entschied sich Mario aus rein ökonomischen Gründen für Zweiteres.

Drei Biere später war seine Euphorie dahin. Mario, der Rückkehrer, wusste nur zu gut, dass seine Situation prekärer war denn je. Studieren war einfach nichts für ihn und würde es auch niemals werden. Arbeiten erst recht nicht und selbst das Nichtstun vermochte es nicht, ihn dauerhaft zu befriedigen. Wäre er wenigstens wie Sid dazu in der Lage, sich seinen Spinnereien hinzugeben. Sid war mal dies, mal das. Nie war etwas richtig beziehungsweise langfristig, aber immerhin konnte er sich damit rechtfertigen, dass er noch auf der Suche sei und das Richtige bislang einfach nicht gefunden hatte. Nachdem Sid kurz vor dem Abitur die Schule abgebrochen hatte, versuchte er sich als Wachmann, Tankwart, Versuchspatient, Blutspender. Arbeitete als Reinigungsfachkraft oder verdingte sich als freier Journalist für eine Obdachlosenzeitschrift, komponierte und ghostwritete semi-talentierten Nachwuchsbands Lied um Lied und ließ sich die Urheberrechte daran vertraglich zusichern. Das müsse man ihm lassen, dachte Mario, Ideen hat er. Und jede einzelne von ihnen wurde mit ‚Mario, Alter. Ich hab’s‘ angekündigt. Zuletzt war es ein LKW, den Sid zu einem mobilen Puff umbauen lassen und ‚Lustkraftwagen‘ nennen wollte. Keine schlechte Idee, hatte Mario damals geantwortet, wohl wissend, dass Sid sie ohnehin nicht umsetzen würde. Dabei ging es ihm überhaupt nicht um die Umsetzung seiner Ideen, es genügte ihm, sie ausgesprochen und Mario mitgeteilt zu haben. Auch darin war er ihm einen Schritt voraus, fand Mario. Denn durch das Aussprechen seiner Ideen hatte sich Sid das moralische Patent darauf gesichert, unter Zeugen. Mario hingegen behielt seine Ideen für sich und lief damit jederzeit Gefahr, sie an jemand anderen zu verlieren oder schlichtweg zu vergessen. Jedenfalls konnte er sich an Sids Ideen besser erinnern als an seine eigenen. Missbrauchte Sid Marios Gehirn etwa als Gedankenspeicher? Und wenn ja, warum? Hatte er ihn womöglich absichtlich zugespamt? War Sid letztlich Schuld an Marios Misere? Und warum hatte er ihn vorgestern so harsch kritisiert?

Dieses ständige Nachdenken, dachte Mario, sei das eigentliche, das Kernproblem. Sein romantisch verklärtes Verhaftetsein in der Vergangenheit, das andauernde Reflektieren vertaner Chancen und die sich stets im Kreis drehenden Fragen voller Konjunktive. Damit müsse nun ein für alle Mal Schluss sein, befahl er sich derart vehement, dass er es sich einen Moment lang glaubte. Ein letzter Blick zurück, ein letztes Mal Abschied nehmen von der Vergangenheit, um dann mit voller Überzeugung nach vorne zu schauen. Nach vorne zu denken. Und als sei sein Körper der Schauspieler, der dem Drehbuch seiner Gedanken Folge leisten müsse, drehte sich Mario noch einmal um, sah die Türen des KKC, die er vor ungefähr 60 Sekunden verlassen hatte, erblickte die dahinter aufragenden Türme der Universität, denen es trotz ihres bunten Anstrichs nicht gelingen wollte, die Tristesse dieser seelenlosen Bausünde zu besiegen. Nie mehr würde er hierhin zurückkehren, beschloss Mario, an jenen Ort, der sinnbildlich für all die vergeudeten Jahre seines Lebens stand und die ihm widerfahrenden Demütigungen. Gerade als sich Mario in eine beinahe rauschartige Aufbruchsstimmung sinniert hatte, als seine geistige Inszenierung ihrem dramatischen Höhepunkt entgegen zu fiebern schien und er gemäß der Regieanweisungen seines Hirns den Blick wieder nach vorn richtete, sah er zu seiner Rechten das Jobcenter am Berliner Platz. Da war es ihm schlagartig klar: Die Demütigungen der Vergangenheit waren nichts im Vergleich zu jenen, die die Zukunft noch für ihn bereithalten würde. Wenn sein Leben eine Krankenakte wäre, so stünden darin bislang lediglich ein paar kleinere Blessuren und die ein oder andere Erkältung. Wehwehchen, über die es zu klagen sich nicht lohnte und die Mario mithilfe seiner Universalmedikation, dem Alkohol, stets gut in den Griff bekommen hatte. Fortan aber kämen echte Nackenschläge auf ihn zu, war er sich sicher. All seine genetischen Dispositionen würden allmählich und dennoch unabdingbar zu Tage treten. Chronische, nicht heilbare Erkrankungen würde man ihm diagnostizieren, Tumore und Karzinome würden seinen Körper befallen und all das müsse er bei vollem Bewusstsein miterleben. Denn, auch davon war Mario überzeugt, sein Verstand sei das Letzte, was er verlieren würde. Seine ach so unantastbare Würde würde hingegen schon sehr bald den Arbeitsvermittlern und Fallmanagern des Jobcenters zum Opfer fallen.

Irgendwie gelang es Mario sich auf den Eingangsgedanken seiner Gedankenschleife zu besinnen, der besagte, dass das Nachdenken an sich bereits das größte Übel sei und der sich somit zu guter Letzt bewahrheitet hatte. Dem also galt es nun aktiv entgegenzuwirken, entschied Mario und schaltete um auf ‚Autopilot‘, was nichts weiter als die euphemistische Umschreibung von ‚ziellos herumirren‘ war. So irrte Mario die Limbecker Straße entlang und fand sich wenige hundert Meter später zufällig am Salzmarkt wieder. Es fühlte sich irgendwie falsch an, alleine und noch dazu an einem Nichtfreitag in die Templebar zu gehen. Weitaus falscher jedoch hätte es sich angefühlt, nicht hinein und stattdessen einfach nach Hause zu gehen. Irgendwie absurd, dachte Mario während er auf sein Bier wartete und gewohnt analytisch die anwesenden Menschen beobachtete. Eben noch hatte er auf der Tribüne der Gleichgültigkeit gesessen, nun stand er am Tresen des Desinteresses. Hier wie dort mangelte es den Leuten an Begeisterungsfähigkeit, an Antrieb und dem Streben nach Veränderung. Es war also wenig verwunderlich, nein geradezu logisch, fand Mario, dass sich diese Lethargie im Laufe der Jahre auch auf ihn übertragen habe.

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