Kapitel 4: Sonntags beim Dicken

Nichts hasste Mario Maas so sehr wie Sonntage. Und der erste Sonntag eines neuen Jahres war der schlimmste überhaupt. Den Übergang von Wochenende zu Alltag fand er einfach zu brutal. Eigentlich müsste man zwischen Sonntag und Montag einen festen Brückentag einführen, überlegte Mario, einen achten Wochentag. Einen Tag, an dem man noch nicht arbeiten müsse, an dem aber die Supermärkte geöffnet hätten und die Bahnen und Busse wieder normal fahren würden. Das Einzige, was noch fehlte, war ein passender Name, doch der würde ihm schon irgendwann einfallen. Ganz ausgereift war die Idee sicherlich noch nicht, dachte Mario. Die Bus- und Bahnfahrer wären genau wie die Mitarbeiter der Supermärkte etwas benachteiligt. Zudem hätte ein Jahr durchschnittlich 52 Tage mehr als bisher, was einerseits die Jahreszeiten durcheinander bringen würde und andererseits zur Folge hätte, dass man länger auf seinen Geburtstag warten müsste. Vorteil hierbei: Man würde langsamer altern. Das ließe sich den Menschen gut verkaufen. Dass sie allerdings früher sterben müssten, könnte auf Widerstand stoßen. Die Welt war noch nicht bereit für derart revolutionäre Veränderungen, das würde die Leute überfordern. Eigentlich könnte ihm das Ganze auch egal sein, dachte er, hatten die einzelnen Wochentage für ihn doch ohnehin längst an Bedeutung verloren. Mario schämte sich nicht dafür, schließlich ging es vielen so. Nur verklärten die Meisten ihr Nichtstun damit, dass sie behaupteten, in den Tag hinein zu leben. Mario lebte aus den Tagen hinaus. Mal gucken, was kommt, sagten die einen. Mal gucken, was bleibt, sagte er. Manchmal fragte sich Mario auch was wohl von ihm bliebe. Bislang hatte er niemandem etwas hinterlassen. Wenn, dann sollte es auch etwas Besonderes sein. Haus, Baum, Kind – das kann doch jeder, dachte er. Aber ein achter Wochentag, das wäre mal eine echte Hinterlassenschaft.

Das ganze Nachdenken hatte ihn ziemlich angestrengt. Vielleicht wäre es ja doch nicht so verkehrt, den Abend beim Dicken zu verbringen, dachte Mario, das Denken könne er sich dort getrost sparen. Als Sid ihn einige Stunden zuvor gefragt hatte, ob er nicht mitkommen wolle, hatte Mario dies noch vehement abgelehnt. Auf gar keinen Fall, hatte Mario ihn wissen lassen, würde er seinen Sonntagabend beim Dicken verbringen. Fiel es etwa niemandem außer ihm auf, dass der Dicke ein Vollidiot war? Dass Sid den Dicken daraufhin als ‚immerhin lustigen Vollidioten‘ verteidigte, sprach nicht gerade für seinen Humor. Unfreiwillig komisch vielleicht, aber lustig sicher nicht. Artur Dikowski war ein ziemlich hagerer Typ mit bedauernswert schmalen Schultern und stelzenartigen Beinchen. Um breiter zu wirken, trug er seit etlichen Jahren ausschließlich schlabberige Jeans und karierte Hemden. Auch die Brille und sein 90er-Jahre Kinnbart hatten sich seither nicht verändert. Das Antlitz eines Informatikers, das Wesen eines Proleten, im Körper des Feindes sozusagen. Denn seinem Selbstverständnis nach war der Dicke ein gefährlicher Schläger. Einer, dem man nachts besser nicht begegnet und bei dessen Anblick man lieber freiwillig die Straßenseite wechselt. Ob er sich seiner optischen Harmlosigkeit eigentlich bewusst war hatte Mario ihn nie gefragt.

Schon als Mario das Treppenhaus betrat und aus dem zweiten Stock das laute Lachen hörte, wäre er am liebsten wieder umgekehrt. Er kannte dieses Lachen seit 13 Jahren und er hatte es vom ersten Moment an gehasst. Sid und die anderen kannte Mario aus der Schule, Mikro sogar seit dem Kindergarten. Den Dicken hatten sie erst kennengelernt, als sie mit dem Kiffen anfingen. Der Dicke war Parkinventar, er hatte sich ihnen quasi aufgedrängt. Und für ein, zwei Wochen war sein Gerede auch amüsant. Ab der dritten Woche begann es sich zu wiederholen.

Mario, setz‘ Dich!“ wies ihm der Dicke seinen Platz auf dem dunkelgrünen Ledersessel zu. Was nicht nötig gewesen wäre, da Mario immer auf dem Sessel saß. So wie Joschi, Mike und Sid immer und in genau dieser Reihenfolge auf dem Sofa saßen. Warum eigentlich, fragte er sich, und wie würde der Dicke wohl reagieren, wenn sich alle einfach mal woanders hinsetzen würden. Wobei er sich im Grunde nicht beschweren durfte, da der Sessel zwar hässlich aber außerordentlich bequem war. Bequemer jedenfalls als er das Sofa vermutete.

Und mach die scheiß Tür hinter Dir zu!“, sagte der Dicke, der ihm gegenüber auf dem anderen hässlichen Sessel saß. Der Blick Richtung Tür war eindeutig ein Ausdruck von Angst, psychologisierte Mario die Platzwahl des Dicken, während er aus dem Fenster schaute, was ebenso eindeutig auf Sehnsucht hindeutete. Eine Erkenntnis, die er besser für sich behielt, sonst hätte ihn der Dicke nur wieder als ‚Studentenschwuchtel‘ beschimpft. Beleidigt zu werden fand Mario nicht so tragisch, aber auf keinen Fall wollte er an die Uni erinnert werden. Und schon gar nicht vom Dicken.

Wo war ich?“ fragte der Dicke, „ach ja. Also wie die Alte abgegangen ist. Jungs, ganz ehrlich, sowas hab ich noch nicht erlebt. Das war total übertrieben. Por-no-mä-ßig! Echt, wie im Film. Und die Alte hat einfach nicht genug gekriegt. Ich hab geschwitzt wie ’n Schwein. Alter, das war Sportficken! Zack zack zack! Und wie die geschrien hat, Jungs, ich sag’s Euch: Die wollte es übelst hart! Und ich hab der schon ordentlich gegeben, also nicht so Standard. Richtig reinge…“

Wie hieß sie denn?“ unterbrach Mario den Verbalporno.

Wie jetzt?“ fragte der Dicke sichtlich irritiert.

Ihr Name. Wie hieß die ‚Alte‘?“ fragte Mario.

Keine Ahnung. Also, wieso auch?“ stammelte der Dicke. „Ist doch völlig egal, wie die hieß. Hab ich nicht nach gefragt.“

Aha.“

Was ‚aha‘? Was willst Du damit sagen, Mario?“ fragte er. „Glaubst Du mir etwa nicht? Meinst Du, ich denk mir den ganzen Scheiß einfach aus und so?“

Ach was! Klar glaub ich Dir“ sagte Mario und beugte sich etwas vor.

Dann ist ja gut“ glaubte der Dicke.

Wie damals die Story mit der Nutte. Wisst ihr noch?“ fragte Mario in die Runde. „Die Nutte, die dem Dicken sein Geld zurückgegeben hat, weil es ihr noch nie jemand so besorgt hatte. Wundert mich, dass die nicht noch draufgezahlt hat. Aber klar Dicken, klar glaub ich Dir Deine Geschichten.“

Mario lehnte sich zurück und genoss das Gelächter. Sogar der Dicke lachte aus Hilflosigkeit mit, wenn auch deutlich leiser als üblich. Auf diese Attacke war er nicht vorbereitet, dachte Mario, damit hatte er nicht gerechnet.

Ja genau. Und die ganzen Schlägereien“ sagte Mike, „schon komisch, dass Dir das immer dann passiert, wenn keiner von uns dabei ist.“

Weil ich Euch da nicht mit reinziehen will“ versuchte der Dicke zu retten, was nicht mehr zu retten war.

Mario hörte dem Gespräch nur noch beiläufig zu. Stattdessen starrte er aus dem Fenster und dachte an Mia. Neun Tage war es jetzt her, dass er ihr begegnet war. Wann würde er sie wiedersehen, fragte er sich, würde er sie überhaupt wiedersehen? Und wo? In der Templebar bestimmt nicht. Wäre sie vorher schon mal dort gewesen, wäre sie ihm aufgefallen. Es war ihr erstes Mal Templebar, da war er sich sicher. Und wenn sie nur halb so clever wie schön war, dann war es auch ihr letztes Mal. Das machte es ihm nicht leichter sie zu finden. Er müsse wieder viel öfter ausgehen, dachte Mario, in 2019 war er noch gar nicht aus gewesen. Von nun an ging es nicht mehr nur ums Ausgehen an sich, ab jetzt hatte er einen Auftrag. Einen selbstauferlegten zwar, aber immerhin einen Auftrag. Im Grunde müsse er jede infrage kommende Kneipe in Essen, Bochum und Umgebung abklappern. Das wird kein Spaß, war sich Mario des Umfangs dieser Aufgabe bewusst, doch genau das war er seinem Auftraggeber schuldig.

Ich wollte das eben vor den anderen nicht so sagen, aber ich fand das echt scheiße von Dir, Mario. Richtig scheiße!“ sagte Sid, während sie auf dem Weg zum Bahnhof waren.

Was denn?“ war Mario erstaunt.

Die Sache mit dem Dicken. Dass Du ihn so bloßstellst.“

Dann soll er halt nicht so einen Scheiß erzählen!“

Kann Dir doch völlig egal sein“ sagte Sid.

Nee, kann es nicht. Ich will einfach nicht, dass der Dicke denkt, ich wäre so dumm, dass ich ihm das glaube“ erwiderte Mario.

Darum geht’s dir, Mario?“ fragte Sid. „Das ist doch nicht Dein Ernst. Niemand von uns glaubt diesen Scheiß. Und der Dicke selbst glaubt ihn doch am wenigsten. Warum, meinst Du, denkt er sich das alles aus?“

Na, weil er sonst nichts zu erzählen hat“ antwortete Mario.

Ja genau. Und über so jemanden machst Du Dich lustig? So jemandem musst Du beweisen, dass Du schlauer bist?“

Damit hat das nichts…“ wollte Mario sich gerade rechtfertigen.

Lass gut sein, Alter“ sagte Sid. „Du weißt, dass ich Recht habe. Denk drüber nach oder lass es. Mir egal.“

Das stimmt nicht, dachte Mario, egal war es ihm nicht. Dass Sid Recht hatte, ließ sich dennoch nicht leugnen. Ja, er hatte den Dicken bloßgestellt, vor allen anderen. Und dabei sogar so etwas wie Genugtuung empfunden. Aber war das verwerflich, fragte er sich, war er deswegen ein schlechterer Mensch? Hielt Sid ihn deswegen für einen schlechteren Menschen? Und warum traute er sich jetzt nicht, Sid genau das zu fragen? Eine Weile liefen sie schweigend nebeneinander her, dann fragte Mario irgendetwas Belangloses und Sid antwortete irgendetwas Belangloses.

Es war bereits Montag, als sie am Viehofer Platz in den Nachtexpress einstiegen. Auf der Rangliste der Scheißtage war Montag auf Platz zwei. Gefolgt von Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Ich hab’s, dachte Mario, das ist es: Vorwoch! Wenn Mittwoch die Mitte der Woche war, dann sollte sein Tag einfach Vorwoch heißen. Das ist genial, fand er, das dürfe er nur nicht vergessen. Nicht schon wieder. An guten Ideen hatte es ihm noch nie gemangelt, sondern daran, dass er sich nie an sie erinnern konnte. Vorwoch, wiederholte Mario noch einige Male, um sich den Namen auch wirklich einzuprägen: Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch, Vorwoch.

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