Kapitel 3: Neues Jahr, neues Leid

Wann ist es denn endlich soweit? Das war sein erster Gedanke im Neuen Jahr. Mario aber wähnte sich noch im Alten und es bedurfte mehrerer ungläubiger Blicke auf die Uhr, ehe er sich seinen Irrtum eingestand. 5 Uhr 18. Auf dem Tisch vor ihm lagen die Relikte der Vergangenheit. Unzählige Flaschen Bier, zwei bauchige Whiskey-Gläser und eine halbleere Flasche Laphroaig, dazwischen Kartoffelchips, Asche und Konfetti. Im ZDF besang Robbie Williams das Millenium, woraufhin glücklicherweise wenig später die Einblendung ‚Nacht der Legenden‘ folgte.

Hey“ flüsterte Mario zu Sid, der schnarchend auf dem Sofa lag.

Sid! Verdammt. Wach auf!“

Hm?“

Alter, wir haben Silvester verschlafen!“

Wen interessiert’s?“

Mario fragte sich, wann er wohl das letzte Mal Silvester verschlafen hatte und erinnerte sich daran, wie sehr er sich schon als Kind darüber geärgert hatte und wie unglaublich wütend er auf seine Eltern gewesen war. Daran, wie er an Neujahr gemeinsam mit den anderen Nachbarskindern stundenlang durch die kleine Zechenhaussiedlung zog um Blindgänger aufzuspüren. Soll ich wirklich, überlegte Mario kurz, entschloss sich dann aber doch dagegen und nahm einen kräftigen Schluck aus dem ihm am nächsten stehenden Bier. Es schmeckte beschissen, nach 2018 halt. Wenn das so einfach wäre, dachte er und holte sich ein neues Bier aus dem Kühlschrank. Und siehe da, 2019 schmeckte deutlich besser. Diesen ganzen Hype um Silvester hatte Mario dennoch nie verstanden. Was versprachen sich die Leute bloß von einem Jahreswechsel? Warum um alles in der Welt glaubten sie daran, dass sich von einen auf den anderen Tag alles ändern, alles bessern sollte? Woher wussten sie überhaupt, dass ihre kalendarische Rechnung die richtige war? Wäre nicht die Wintersonnenwende ein weitaus sinnvollerer Zeitpunkt für einen Neubeginn? Und wozu der ganze Scheiß mit den guten Vorsätzen?

2018 hatte es wirklich nicht gut mit ihm gemeint und ihm mit der letzten Gelegenheit, am 31. Dezember, die finale Ohrfeige verpasst. Wäre er mal lieber nicht zum Briefkasten gegangen, dachte Mario, dann hätte er Silvester vielleicht ganz anders verbracht. Aber nein, er musste den Brief ja unbedingt öffnen, in dem ihm – „sehr geehrter Herr Maas“ – mitgeteilt wurde, dass die „Zahlung des BAFöG in Höhe von 597 Euro zum 01.02.2019 eingestellt“ werde, da er „trotz mehrfacher schriftlicher Aufforderung nicht die erforderlichen Leistungsnachweise eingereicht“ habe. Das war das Ende, war er sich sicher, sein endgültiger Untergang. Mit „freundlichen Grüßen“ hatte man sein Leben ruiniert. Ziemlich makaber, wie Mario fand. Und wie unverantwortlich, ihm das gerade jetzt mitzuteilen, wo doch jeder Mensch wissen müsste, dass die Suizidrate an Weihnachten und Silvester am höchsten ist. Es gab schließlich Gründe, gute Gründe, warum er nicht mehr zur Uni ging. Davon abgesehen sei es völlig unverständlich ausgerechnet diejenigen zu fördern, die ohnehin motiviert waren ihre Leistung zu erbringen. Sollte man nicht viel eher in Menschen wie ihn und deren brachliegende Potentiale investieren?

Am Abgrund stehend feiert es sich am Besten“ hatte Sid noch versucht ihn zu überzeugen, doch Mario wollte weder feiern noch Spaß haben. Es kam nicht sonderlich überraschend, als es pünktlich zum ersten ‚Dinner for One‘ an der Tür klingelte und Sid gewohnt gut gelaunt vor ihm stand. Ausgestattet mit allem, was man für einen restlos spaßbefreiten Silvesterabend benötigte. Einem Fonduetopf, einem Set zum Bleigießen, jeder Menge Tischfeuerwerk und einer Didi Hallervorden DVD-Sammlung.

Du willst keinen Spaß? Du kriegst keinen Spaß!“ versprach Sid und Mario war gerührt. Spätestens nach dem zweiten ‚Dinner for One‘, bei dem sie sich vorgenommen hatten, immer dann Schnaps zu trinken, wenn James Schnaps trank, war 2018 Geschichte. Zur Titelmelodie von ‚Ein Herz und eine Seele‘ schlief Mario ein.

Als Mario um kurz vor 12 am Hauptbahnhof stand und auf die U11 Richtung Gelsenkirchen wartete, hasste er seine Eltern noch ein bisschen mehr als sonst. Nur wegen ihnen stand er nun seit gefühlten Ewigkeiten müde und verkatert hier herum, nur weil sie ihn zum Neujahrsessen eingeladen und dabei mehrfach betont hatten, dass es extra für ihn Grünkohl gäbe. Und nur weil sie ihn damit so überrumpelt hatten, dass er sich nicht einmal mehr eine plausible Ausrede einfallen lassen konnte. Nachdem sich seine Verachtung kurzzeitig gegen die Ruhrbahn und deren Fahrplan richtete, lenkte er sie wieder zurück auf seine Eltern. Am Meisten hasste er sie nämlich für seinen Namen. Mit Mario konnte er ganz gut leben und auch Maas war an sich gar nicht so schlimm. Aber die Kombination klang einfach grauenhaft. Nichts hasste Mario Maas so sehr wie Alliterationen. Sie hatten doch 26 Buchstaben zur Auswahl gehabt, warum dann ausgerechnet das M? Noch während er sich eifrig Alternativnamen überlegte, musste er erleichtert lachen, als ihm auffiel, das Lars Maas noch viel dämlicher geklungen hätte.

Eine Fahrt mit der U11 war für Mario immer auch eine Art Zeitreise. Eine Reise entlang all der Lieblingsorte seiner Jugend. Am Bahnhof Altenessen beispielsweise musste er an die Schreckensszenarien denken, die sich die lokale Presse vor einigen Jahren ausgemalt und den Bahnhof daraufhin zur No-Go-Area erklärt hatte. Mit der Realität hatte das Ganze damals wie heute nicht viel zu tun, fand Mario, der sich dort nie unsicher gefühlt, sondern die Gegend eher als lebendig empfunden hatte. Angst jedenfalls musste hier nun wirklich niemand haben. Weder vor den Arabern, die sich im Umkreis des Bahnhofs niederließen und zahlreiche Dönerbuden, Juweliergeschäfte und Bäckereien betrieben, noch vor den Angestellten des Bürgeramtes, das sich auf der anderen Straßenseite befand. Ein überaus friedliches Miteinander von Beschnittenen und Beamten. Eine Station später, an der Haltestelle Kaiser-Wilhelm-Park, war Mario zu Schulzeiten immer ausgestiegen. Direkt neben dem wirklich schönen und gepflegten Park thronten die alten Gemäuer des Leibniz-Gymnasiums. Mario erinnerte sich daran, wie er und seine Mitschüler während der großen Pausen vom Schulhof aus über den Metallzaun geklettert waren, um in den Gebüschen dahinter ungestört rauchen zu können. Zwar gab es damals unzählige Raucherecken auf und neben dem Schulgelände, doch die meisten wurden schnell enttarnt. Die im Park war mit Abstand die sicherste und höchstwahrscheinlich würden die Schüler der Mittelstufe sie noch heute als solche nutzen. Der zentralste Ort Altenessens aber war die Zeche Carl. Sie war der Sammelpunkt für Mario und seinesgleichen, das Basislager sozusagen. Von hier aus starteten sie ihre Expeditionen. Entweder in den Park, weil man sich dort immer mit Gras versorgen und auf andere Kiffer treffen konnte, oder auf den Nordfriedhof, der sich von der Hauer- bis zur Bischoffstraße erstreckte und somit Bergbau und Kirche miteinander verband. Auf dem Friedhof hatten nicht nur die Toten ihre Ruhe, auch den Jugendlichen diente er zum Innehalten. Und zum Inhalieren. Etwas weiter, aber immer noch fußläufig erreichbar, war die Schurenbachhalde nahe der Haltestelle Heßlerstraße. Rückblickend betrachtet fand Mario, dass die Halde sein mit Abstand liebster Lieblingsort gewesen war. Dieser riesige Haufen wertloser Schlacke mitsamt seiner spärlichen Vegetation hatte es ihm irgendwie angetan. Nicht wegen Aussicht, die alle anderen so faszinierte, sondern vielmehr aufgrund der beinahe mystischen Stimmung, die die Halde umgab und die ihm die Illusion verlieh, ganz woanders zu sein. Wenn man die Augen schloss hörte man das sonore Rauschen der A42 und es benötigte nur wenig Phantasie, um sich die Autobahn als einen reißenden Gebirgsfluss vorstellen zu können. Wie viele Nächte mögen sie hier mit Dosenbier am Lagerfeuer verbracht haben, fragte sich Mario und hielt in Gedanken eine Stockwurst in die Flammen. Auf der Halde war alles erlaubt, sogar Gefühle. Und nur hier durfte man über sie sprechen.

Am Karlsplatz angekommen musste er unweigerlich an das Filou denken. Die erste Kneipe, die er in seinem Leben betreten hatte. Das Filou war eine typische Ruhrgebietskneipe. Hier trank man schon morgens Pils aus Tulpengläsern, rauchte Stuyvesant und Ernte 23, spielte Skat und diskutierte über Fussball. Die inoffiziellen Einlasskriterien: Männlich, Raucher, älter als 60. Insofern hielt man Mario und seine Freunde bei ihrem ersten Besuch wohl für eine Gruppe Enkelkinder, die von der Oma beauftragt, ihren Opa aus der Pinte holen sollten. Glücklicherweise nahm man den Jugendschutz hier genauso wenig ernst und schenkte ihnen aus, was immer sie bestellten. Er war schon viel zu lange nicht mehr dort gewesen, entschied sich Mario, daraus seinen guten Vorsatz für das neue Jahr zu machen.

Kurz hinter dem Karlsplatz verließ die U11 das Flöz des Nahverkehrs und fuhr von nun an überirdisch weiter. Vor der Kanalbrücke endete Altenessen und seine Jugend. Dahinter begann Karnap und seine Kindheit. Als Mario an der Haltestelle Arenbergstraße der U11 entstieg war er wieder Grundschüler. Er sah hinüber zur Tankstelle, die damals noch eine BP war und nun eine ARAL. Das sei zu verkraften, fand Mario, dass aus dem Kiosk gegenüber mittlerweile eine Pizzeria geworden war traf ihn hingegen schwer. Er erinnerte sich an den alten Mann, dem der Kiosk gehörte und dass es bei ihm die vollsten gemischten Tüten gab. Vorbei am alten Bunker, der sich tatsächlich kaum verändert hatte, lief er die Arenbergstraße entlang. Die Zechenhäuser rechts und links versuchten zu verleugnen, was sie waren. Die alten Backsteinfassaden hatte man ordentlich verputzt und anschließend gestrichen. Make-up aus Mörtel. Den Hausbesitzern sollte man keinen Vorwurf machen, urteilte Mario erstaunlich verständnisvoll, sie konnten ja nicht ahnen, dass sie damit in seinen Kindheitserinnerungen herumpfuschten. Ärgerlich war es trotzdem. Er lief durch den kleinen Park am Müllheizkraftwerk und über den Spielplatz, der mittlerweile ziemlich verwahrlost aussah. Das Graffiti, mit dem er sich als 13-jähriger an der Rückseite des Garagenhofs verewigt hatte, war über die Jahre deutlich verblichen und kaum noch zu erkennen. Nicht schlimm, fand Mario, sah damals schon scheiße aus. Obwohl, was früher ein hässliches Graffiti war würde heute locker als Streetart durchgehen. Früher, hörte er sich sagen und musste an den Stadtkrug denken. Vielleicht hatte er den alten Männern Unrecht getan. Dennoch beunruhigte es ihn, dass er schon jetzt damit anfing, von früher zu reden. Hatte er womöglich zu schnell gelebt? War sein Geist schon in Rente, während sich sein Körper noch austoben wollte? War diese interne Altersdiskrepanz vielleicht sogar der Ursprung all seiner Probleme? Und waren die ganzen Filmrisse eventuell erste Demenzerscheinungen?

Frohes Neues, mein Junge!“ sagte seine Mutter, während sie ihn umarmte.

Frohes Neues!“ sagte Mario, weil man es halt so sagt.

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