Kapitel 2: Gefühle im Keller

Als Mario am Hauptbahnhof angekommen den verwaisten Willy-Brandt-Platz erblickte, waren seine letzten Zweifel verflogen. Weihnachten war tatsächlich vorbei. Hier, wo sich noch wenige Tage zuvor, lieblos zusammengezimmerte Holzbuden aneinandergereiht Weihnachtsmarkt nannten, war nun wieder gähnende Leere. Die graue Großstadttristesse, die jeden Zugereisten beim Verlassen des Bahnhofs erschrecken ließ, endlich hatte er sie wieder. Endlich konnte er die Kettwiger Straße entlang laufen ohne irgendwelchen aufreizend gemütlich umher schlendernden Familien, werdenden Familien, Rentnern oder niederländischen Reisegruppen ausweichen zu müssen. Auch am Kennedy-Platz war der Rückbau größtenteils abgeschlossen. Einzig das über dessen gesamte Fläche gespannte Lichternetz, das wohl einen Sternenhimmel symbolisieren sollte, hatte man noch nicht beseitigt. Immerhin leuchtete es nicht mehr, was es ihm ermöglichte, den realen Sternenhimmel dieser lauen Winternacht zu genießen. Zumindest theoretisch, praktisch interessierte sich Mario einen Scheißdreck für das bestirnte Firmament. Wer braucht schon Romantik wenn es Alkohol gäbe, dachte er und nahm einen Schluck aus der Flasche Bier, die er sich am Bahnhofskiosk gekauft hatte. Die Templebar befand sich direkt hinter dem Kenndy-Platz, am Salzmarkt. Der Salzmarkt war ein für die Essener Innenstadt verhältnismäßig ansehnlicher Ort. Im Sommer nutzen ihn die angrenzenden Restaurants, Cafés und Bars als Biergarten. Abseits der großen Einkaufspassagen saß man hier im Schatten der Platanen fast schon idyllisch beisammen. Nun, im Winter, spendeten die Platanen jedoch Laub statt Schatten und machten das Überqueren des Salzmarkts somit zum Wagnis, da sich unter dem matschigen Laub nur noch matschigerer Lehmboden befand.

Hey Mikro, spielen wir gleich?“

Geht nicht“ antwortete Mikro und deutete mit den Augen in Richtung seiner Kickerpartnerin.

Verstehe“ sagte Mario.

Mikros Kickerpartnerin war ganz süß, wie Mario fand. Noch ein wenig untalentierter als er selbst, aber süß. Und Talent bräuchte sie ohnehin nicht, solange sie mit Mikro zusammen spielte. Schade nur, dass ihm das nichts bringen würde, dachte Mario. Sobald er ihr genug Biere erspielt hätte, würde sie nach Hause gehen. Allein oder mit jemand anderem. Jedenfalls nicht mit Mikro, so viel war klar.

Mario sah sich um, entdeckte aber niemanden, den er kannte oder den es zu grüßen gelohnt hätte und setzte sich an die Theke. Die ihm unbekannte, unverschämt hübsche Kellnerin servierte Mario lächelnd sein Pilsner Urquell und während er noch überlegte, ob sie aus Höflichkeit oder Mitleid lächelte, verlangte sie „3 Euro 70, bitte!“.

Wieso das denn?“ fragte Mario.

Na, weil es das kostet. Wir kassieren hier immer direkt ab.“

Tut ihr nicht. Ich bin hier Stammgast“ erwiderte Mario nicht ohne Stolz.

Ich kenn‘ Dich aber nicht, sorry“ antwortete sie ernst.

Mario gab ihr 5 Euro. „Stimmt so.“

Danke Dir, Stammgast“ lächelte sie.

Mario“ murmelte er.

Danke Dir, Stammgast Mario“ antwortete sie und fand sich dabei anscheinend lustig. Mario hingegen fand es etwas anmaßend, hatte ihr aber schon wenig später verziehen, als sie ihm das zweite Bier brachte. Menschen, die ihm Bier brachten, konnte er einfach nicht böse sein. Selbst wenn das nunmal ihr Job war. Immerhin hatte Mario das Vertrauen der Kellnerin gewonnen und schon das zweite Bier musste er nicht mehr direkt bezahlen.

Ganz schön unvorsichtig von Dir“ wollte Mario seinerseits scherzen.

Nein“ antwortete die Kellnerin, die er bei genauerer Betrachtung eigentlich gar nicht mehr so attraktiv fand, „unvorsichtig wäre es, Dir zu sagen, wie ich heiße, Stammgast Mario.“

Lass den Scheiß, dachte er. Mario hasste Leute, die sich über ihre eigenen Witze amüsierten. Diese unterschwellige Arroganz, diese selbstgerechte Überheblichkeit. Nichts hasste Mario so sehr wie selbstgerechte Überheblichkeit. Jetzt war sie also nicht mehr nur unattraktiv, sondern obendrein auch noch absolut unsympathisch. Er hätte es wissen müssen, hatte er es doch morgens bereits geahnt, dass dieser Tag, der schon beschissen begann, auch beschissen enden würde. Aber, und da war sich Mario sicher, wenigstens würde er nicht mit Kranwasser enden. Es war an der Zeit einen Schritt weiter zu gehen. Einen Schritt tiefer, in den Keller.

Im Keller befand sich ein kleiner Club, vielmehr aber eine Parallelwelt. Während der Kneipenbereich der Templebar recht geschmackvoll möbliert war und ein allenfalls alternatives Publikum beherbergte, fanden sich unten im Keller alternativlos Absturzgestalten ein. Ein Potpourri aus Versagern. Drogen affine Taugenichtse, selbsternannte Künstler, lauter Spinner. Dazu ein paar zukünftige Versager, die sich noch nicht sicher waren, welchen Weg des Versagens sie einschlagen würden. Mario stieg die schmale, gewundene Treppe hinab und spürte bei jedem Schritt die Vibrationen der Bässe in seinen Gliedern, die fortan Taktgeber seines Herzschlags sein sollten. Unten angekommen stellte Mario ernüchtert fest, dass sich bislang nur eine Handvoll Gescheiterte hierhin verirrt hatten. Zwei von ihnen tanzten, die anderen standen nutz- und regungslos herum oder lehnten lässig an der Wand. Niemand sprach mit niemandem, was bei der Lautstärke der Musik, irgendetwas zwischen Elektro und Reggae, auch gar nicht möglich gewesen wäre. Mario holte sich ein Grolsch an der Theke und setzte sich auf einen Hocker am gegenüberliegenden Ende des kleinen, aber langgezogenen, tunnelartigen Raums. Zunächst müsse er sich hier akklimatisieren, sagte er sich, ein paar Eindrücke sammeln, sich mit den anderen bekanntmachen. Mario beobachtete jeden einzelnen von ihnen. Er scannte sie, zoomte heran: Close-up. Zoomte heraus: Totale. Dann schuf Mario ihnen Identitäten. Jeder bekam Namen, Alter, Herkunft, Hobbies und Beruf, manche auch Störungsbilder und persönliche Traumata. Er kannte sie alle, ohne dass sie es wussten. Und die Meisten kannte er besser als sie sich selbst. Nur ihn, ihn kannte niemand, und das sollte gefälligst auch so bleiben. Mario wollte nicht gekannt werden. Nicht hier und anderswo auch nicht. Immer mehr Menschen betraten den Keller und Mario kam mit den Identitäten kaum noch hinterher. Irgendwann gingen ihm schlicht die Namen aus und zu allem Überfluss brauchte er neues Bier. Er quetschte sich durch die stinkenden, schweißigen Leiber seiner Bekannten, immer der grell leuchtenden Grolschreklame entgegen. Mario versuchte sich an seine Zeit im Geburtskanal zu erinnern, damals vor etwas mehr als 28 Jahren. Ob sich das wohl ähnlich angefühlt habe, fragte er sich. Dann hatte er es geschafft. Neugeboren stand er vor der Theke, etwas verschwitzt und abgekämpft, aber doch glücklich. Er überlegte kurz und bestellte zwei Grolsch. „Eins für den Weg!“ wie er der Bardame mitteilte. Dann ging es zurück in die Gebärmutter.

Ey Mario!“ schrie ihn unterwegs jemand an. Mario blieb stehen. „Mario Alter. Wie geht’s?“ fragte sein Gegenüber, an dessen Namen sich Mario partout nicht erinnern konnte.

Alleine hier?“ fragte er und Mario sah sich verwundert um: „Nee, siehste doch.“ Der andere lachte und Mario schob sich weiter.

Auf seinem Hocker angekommen sah er Mikro, der immer noch in Begleitung seiner Kickerpartnerin zu tanzen versuchte. Dass Tanzen im Gegensatz zum Kickern jedoch nicht gerade Mikros Stärke war, blieb auch ihr nicht verborgen. Habe ich doch gewusst, fühlte sich Mario bestätigt, nachdem sie kurz darauf verschwunden war und er sich fragte, wo Sid eigentlich bliebe. Wollte er überhaupt, das Sid noch käme? Gerade als er „Nein“ denken wollte, kam Sid fröhlich grinsend auf ihn zu, nahm sich Marios zweites Bier und zog ihn auf die Tanzfläche. Ihm war absolut nicht nach Tanzen, aber das musste er auch nicht. Er suchte sich einfach seinen Platz inmitten der Feiernden und ließ sich durch sie bewegen. Das sei zudem wesentlich effizienter als selbst zu tanzen, dachte er. Es gab keine Individuen mehr, nur noch ein großes Knäuel Mensch, das hin und her wog, schwitzte und stank. Mario schloss seine Augen. Er war ein Teil des Ganzen, ob er wollte oder nicht.

Mario wusste nicht wie spät es war, als er den Keller verließ, sondern nur, dass es für ihn vorbei war. Fast hätte er sogar das Bier abgelehnt, das Sid ihm gegeben hatte. Nun wusste er, dass er es besser hätte ablehnen sollen. Nur mit Mühe und dank des Handlaufs am Treppengeländer schaffte er es nach oben, wo er feststellen musste, dass es draußen schon wieder hell war. Mario hasste es nach einer durchzechten Nacht Menschen zu begegnen, besonders bei Tageslicht. Das ließe sich nun nicht mehr verhindern, dachte Mario. Auch wenn er nicht sonderlich eitel war, etwas unangenehm war es ihm schon. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zurück zu gehen. Zurück in den Keller, auf die Toilette, um das Ausmaß der optischen Zerstörtheit genauer zu begutachten. Erschrocken und vorwurfsvoll sah er sein Spiegelbild an. Die geplatzten Äderchen in den Augen, der Schweiß auf seiner Stirn, das zerzauste Haar. Wieso war er nicht schon längst zu Hause, fragte er sich verzweifelt. Und dann stand sie plötzlich vor ihm. Es dauerte eine Weile bis er verstanden hatte, dass er sich auf der Damentoilette befand.

Ich glaube, Du bist hier falsch“ sagte sie. Wie Recht sie damit hatte, dachte er, und wie verdammt schön sie war. Ihr gelocktes schwarzes Haar, ihre vollen, roten Lippen, ihre großen dunklen Augen. Dazu diese Stimme, diese wundervoll sanfte, warme Stimme. Und der leicht schiefe Schneidezahn, der ihr einen Hauch Unperfektheit verlieh und sie damit noch schöner machte. Je länger er sie anschaute, umso schöner wurde sie. Ihre zarte, vornehm blasse Haut, die perfekt gewachsenen Augenbrauen. Die Grübchen auf ihren Wangen, die sie lächeln ließ, auch wenn sie gar nicht lächelte. Wahrscheinlich war sie sogar wütend, zumindest aber genervt davon, so angestarrt zu werden, dachte Mario, dem es selbst höchst unangenehm war, seinen Blick einfach nicht von ihr abwenden zu können. Mia, fiel es ihm ein, 24, Psychologiestudentin aus Bochum. Oder war das etwa bloß die Identität, die er ihr verpasst hatte? Er müsse schleunigst damit aufhören.

Ja, völlig falsch“ lallte Mario.

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