Kapitel 1: Je später der Abend, desto schöner die Schnäpse

Den Abend des zweiten Weihnachtstags hatte er in der Kneipe verbracht. Direkt gegenüber, im Stadtkrug. Es war sein Standort, der den Stadtkrug zu einer seiner Stammkneipen machte. Er war deutlich zu jung für den Stadtkrug, die Musik war scheußlich und die anderen Trinker langweilten ihn. Alte, vom Frust gezeichnete Männer, die ihre Weisheit dem Boulevard verdankten und deren meist gebrauchtes Wort ‚früher‘ war. „Früher durfte hier geraucht werden. Früher hatte man mehr von seinem Geld.“ Früher, früher, früher. Früher hattet Ihr Sex, dachte er, das ist doch alles, was Euch heute fehlt. Zugegeben, beim Anblick der anwesenden Damen verbot sich jeder Gedanke an Sex von selbst. Doch keine von ihnen hatte er jemals von früher reden hören. Sie hatten sich mit ihrem Schicksal arrangiert und warteten nun geduldig auf das erwartungsgemäß früher stattfindende Ableben ihrer Ehegatten.

Was den Stadtkrug also, neben seiner günstigen Lage, zu einem seiner Stammlokale machte, war die Tatsache, dass ihn hier nichts und niemand vom Trinken abhalten konnte. Denn dazu war er schließlich hier. Heute, am 26. Dezember 2018, musste er nicht einmal den sinnlosen Gesprächen anderer lauschen, da außer ihm niemand da war. Selbst die Alten haben an Weihnachten etwas Besseres zu tun als hier herumzusitzen, erschrak er kurz. Warum der Stadtkrug überhaupt geöffnet hatte war ihm ein Rätsel. Vielleicht um die Weihnachtsdekoration zu rechtfertigen, die seit Anfang Oktober in den Fenstern hing und das ganze Unheil bereits angekündigt hatte. Passend dazu tönten aus den Lautsprechern deutsche Weihnachtslieder. Modern interpretiert, späte Achtziger. An den Wänden waren oberhalb der Holzvertäfelung künstliche Tannenzweige angeklebt und auf den Tischen lagen Adventskränze, die von weitem betrachtet sogar relativ echt aussahen. Über dem Tresen baumelte eine Girlande, die den Gästen in goldenen Lettern „Fröhliche Weihnacht“ wünschte und der man aufgrund ihrer vom Nikotin vergilbten Kordel ansah, dass sie ‚früher‘ noch miterlebt hatte. Ausgerechnet hier Weihnachten zu verbringen sei schon ziemlich erbärmlich, dachte er. Einige Biere später fand er es noch immer ziemlich erbärmlich, was es ohne jeden Zweifel auch war, redete sich aber ein, dass „erbärmlich“ wortstammmäßig ja irgendwie von Erbarmen käme. Und genau darum ginge es doch im weitesten Sinne, also Vergebung und den ganzen Kram. Was ihn unweigerlich zu der Frage führte, die sich ihm gerade in Kneipen immer wieder aufdrängte und sich danach erkundigte, ob so ein Alkoholikerdasein nicht doch etwas für ihn sein könnte. Später verstünde sich, wenn seine Eltern einmal tot wären und es ihm nicht andauernd vorhalten könnten. Zumindest als Option könne man sich das ja mal offen halten, dachte er und bestellte einen Samtkragen, den dritten oder vierten. Erstaunt stellte er fest, dass er ihm nicht schmeckte. Irgendwann müsse er ihm doch mal schmecken.

Es wird Zeit“ sagt der Wirt, „ist schon spät“.

Es wird Zeit, überlegte er, während er seinen Deckel bezahlte, macht das Sinn? Kann etwas Zeit werden? Und wenn ja, wie werde ich Zeit? Und warum sollte ich Zeit werden wollen? Denk was anderes, zwang er sich zu mehr Ernsthaftigkeit und dachte darüber nach, dass Kundenfreundlichkeit in Kneipen einen besonderen Stellenwert zu haben schien. Schließlich müsse man hier nicht bereits im Voraus zahlen, nicht einmal beim Erhalt oder beim Verzehr der Ware, sondern erst, wenn man zahlen wollte. Oder wenn es Zeit wurde. Gut, für Restaurants und Hotels gelte das auch, korrigierte er sein soeben erdachtes Alleinstellungsmerkmal der Schankwirtschaft. Frustriert von dieser Erkenntnis verließ er den Stadtkrug, stolperte etwas unbeholfen hinüber zur anderen Straßenseite und war zu Hause. Ein weiterer Vorteil des Alkoholikerdaseins, der kurze Weg zur Arbeit. Aber an Arbeit wollte er jetzt nun wirklich nicht denken. Zu frisch waren seine Erinnerungen an Heilig Abend, als seine Eltern mal wieder danach gefragt hatten, wann er sein Studium abschließen werde. Wie immer hatte er es geschafft, ihre Fragen zu umgehen und nicht zu beantworten, was die Notwendigkeit einer Lüge bedeutet hätte.

Germanistik studiert man sein Leben lang“ hatte er seine Mutter wissen lassen, „so etwas schließt man nicht ab. Sprache verändert sich.“

Aber Mario“, erwiderte sein Vater, „mit Studieren verdient man kein Geld.“

Als Mario aufwachte war der Spuk vorbei. Er blieb noch eine Weile liegen um sich rauchend auf den Akt des Aufstehens vorzubereiten. Der kritischste Moment sei das Anheben der Bettdecke, sagte er sich. Das dürfe weder zu abrupt noch zu zaghaft geschehen. Anders als bei Wundpflastern, die man so schnell wie möglich abreißen sollte, könnte ein allzu hastiges Entreißen der Bettdecke ein drastisches Absinken der Körpertemperatur zur Folge haben und somit letztlich zum Tode führen. Andererseits, wer sich schon morgens Gedanken über den Tod mache, könne einfach kein glücklicher Mensch sein. Allzu verwundert war Mario darüber nicht, hatte er sich doch schon vor einigen Jahren eine latente Depression diagnostiziert, was ihm seine anschließende Recherche bei google sogar bestätigte. Weitere drei Zigaretten später hatte Mario sich ausreichend vorbereitet und stand auf. Nachdem ihn sein erstes Bedürfnis auf die Toilette geführt hatte, führte ihn sein zweites zum Kühlschrank: Durst. Bier oder Milch? Beides kam nicht in Frage. Also Kranwasser. Beschissener als mit Kranwasser konnte ein Tag nicht beginnen. Und ein Tag, der beschissen beginnt, endete in aller Regel auch beschissen. Dass es Freitag war, war nunmehr egal. Immerhin, es war der 27ste, Weihnachten hatte er somit überstanden. Bliebe noch Silvester. Gegen Ende des Jahres jagt ein Event das nächste, dachte er. Danach sei aber erstmal wieder Ruhe, zumindest bis Ostern. Glücklicherweise wohnte Mario im Ruhrgebiet, genauer in Essen. Anderswo müsse er in Kürze Karneval ertragen. Er fragte sich, was wohl das schlimmste aller Volksfeste sei: Karneval oder Weihnachten oder Fußballweltmeisterschaft? Alles gleichermaßen verlogen und kommerziell. Und dann noch diese Fröhlichkeit, diese erzwungene Fröhlichkeit. Nichts hasste Mario so sehr wie erzwungene Fröhlichkeit. Doch wie in jedem Jahr nahm er sich auch für 2019 fest vor, an Karneval nach Düsseldorf oder Köln zu fahren und sich schlecht gelaunt und unverkleidet ins Epizentrum des Frohsinns zu begeben, in der Hoffnung, dass sich seine schlechte Laune auf alle anderen übertragen würde. Es war keineswegs so, dass Mario Menschenmengen scheute, er verabscheute Menschen an sich. Einzig sein Gewissen hielt ihn davon ab, Menschen zu töten. Genauso wie es ihn nun davon abhielt schon wieder Bier zu trinken und ihm stattdessen das zweite Glas lauwarmes Kranwasser bescherte.

Durch das Küchenfenster sah Mario ein streitendes Pärchen auf dem Kaisers-Parkplatz. Worum es dabei ging, konnte er nicht erkennen. Ein Alltagsstreit halt. Vielleicht hatte der Mann mal wieder den falschen Käse gekauft, die falsche Wurst, den falschen Joghurt. Jedenfalls schien die wortreich streitende Frau im Recht zu sein, denn der Mann schlich kopfschüttelnd zurück in den Supermarkt. Streitende Menschen fand Mario sympathisch. Beim Streiten sind die Menschen echt, dachte er, hier zeigt sich ihr wahres Gesicht. Ehrlich und unbedacht, verletzend und rücksichtslos. Die Frau räumte, ihren Triumph genießend, die Einkäufe in den Kofferraum ihres japanischen SUVs und wartete auf die Rückkehr ihres Opfers. Mario begann einen Hauch Zuneigung für Sie zu empfinden. Ihre Boshaftigkeit war geradezu greifbar, ganz und gar offensichtlich. Wenig später kam ihr ihr Mann, immer noch kopfschüttelnd, aus dem Supermarkt entgegen, woraufhin Sie ihn zärtlich umarmte und sich ebenso wort- und gestenreich bei ihm entschuldigte, wie sie ihn kurz zuvor noch beschimpft hatte. Mario fand das nicht besonders konsequent, weder von ihr noch von ihm. Überhaupt waren ihm sich versöhnende Menschen eher unsympathisch.

Gegen 17 Uhr hatte Mario seinen Kater mithilfe mehrerer Tassen Kaffee und Paracetamol endgültig besiegt. Die üblen Kopfschmerzen waren weitaus harmloseren Bauchschmerzen gewichen und der Mundgeruch hatte sich auf Normalmaß reduziert. Er war wach und weitestgehend bei Verstand. Im Nachhinein konnte er nun sogar Weihnachten etwas Positives abgewinnen – es war Ende des Monats und er hatte noch Geld. Nach drei, vier Telefonaten stand fest, was ohnehin feststand. Den Abend würde Mario wie nahezu jeden Freitagabend in der Templebar verbringen. Das ganze Gequatsche hätte er sich also sparen können. Genau wie die Frage danach, wann man sich denn dort treffen wolle. Sid, der eigentlich Sebastian hieß und so etwas wie Marios bester Freund war, hatte wie immer ‚um Zehn‘ gesagt, was bedeutete, dass vor Mitternacht nicht mit ihm zu rechnen war. Joshua alias Joschi und Mike würden irgendwann dazu stoßen oder es sich spontan anders überlegen. Einzig der kleine Mirko, den alle nur Mikro nannten, wäre wirklich schon um Zehn anzutreffen. Was aber im Grunde egal sei, da Mikro sowieso nur zum Kickern in die Templebar ging. Und Mikro war gut. So gut, dass er auch dann gewann, wenn er mit Mario zusammen spielte, dessen einzige Aufgabe darin bestand, die Füße der Figuren anzuheben und Mikro von hinten die Tore erzielen zu lassen. Fürs Kickern hatte sich Mario nie interessiert, für ihn hatte es lediglich den Vorteil, dass er seine Biere auf Kosten der jeweiligen Gegner trinken durfte. Er verspürte ein Gesfühl von Vorfreude, wobei es nichts gab, auf das er sich hätte freuen können. Aber es war Freitag, Weihnachten war vorüber, die Vergangenheit war Suff und Rausch die Zukunft.

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